Reisetagebuch

28.05. – 30.05.2005: Kongo (Kinshasa), von Yema bis Noqui

Grenzübertritte sind mittlerweile nichts Neues mehr für uns. Routiniert laufen wir zwischen den einzelnen Stellen hin und her, plaudern mit den Grenzern und geben immer noch gerne Nachhilfe beim Ausfüllen des Carnets. Und doch erleben wir immer noch Überraschungen, so bei der Einreise in den Kongo (Kinshasa).

Die erste Überraschung: Die notwendige Gelbfieberimpfung wird zum ersten Mal wirklich geprüft. Es wird nicht nur auf der richtigen Seite des Impfpasses geschaut, auch das Datum der Impfung wird kontrolliert und die Chargennummer des Impfstoffes in einer Liste vermerkt. Und während der Zuständige alles notiert, stehen wir etwas verkrampft daneben. Der Grund: wir halten ein Fieberthermometer unter dem Arm. Als der Mann einen Wattebausch mit Alkohol befeuchtete, hatten wir schon mit einer Impfung irgendeiner Art gerechnet, ist das bei der Einreise in den Kongo laut Reiseberichten schon passiert ... Wir haben beide Normaltemperatur und dürfen ein Haus weiter zur Immigration gehen – ohne einen Zwangsstopp in der wenig einladenden Quarantänestation zu machen.
Die zweite Überraschung: ein Zollmitarbeiter notiert sich, als das Carnet bereist gestempelt ist, alle bisher bereisten und im Carnet vermerkten Länder auf einem Zettel, knickt ihn und stopft ihn in die Hosentasche. Ob der da noch vor der nächsten Wäsche wieder herauskommt? Wir haben unsere Zweifel, als wir sehen, wir unorganisiert der Zoll ist. An sich war mit unserem Carnet schon alles passiert, was bei der Einreise erfolgen muss. Aber ein weiterer Kollege, der das nicht wusste und auch aufgrund des Stempels und des ersten abgerissenen Abschnitts nicht realisierte, will mehrfach auch noch den Ausreiseteil abreißen. Braucht er doch für seine Unterlagen auch etwas. Irgendwann hatten wir ihn überzeugt, dass alles bestens sei und wir dürfen fahren. Insgesamt zog sich unsere Einreise. Die Grenzstation ist hoffnungslos übersetzt. Und die viel zu vielen lieben und freundlichen Menschen agieren unorganisiert ohne Ende. Aber man hat halt Zeit in Afrika!
Auf der Piste von der Grenze bis Boma ist unser Ungetüm in seinem Element, mag er doch tiefen Sand ganz besonders gerne unter seinen Reifen. Als es härter wird und die Piste vor allem aus tiefen Furchen besteht, ist er auch wieder das richtige Gefährt. Nur wir sind nach wie vor für solche Strecken nicht gemacht. Wenn man in zweieinhalb Stunden gerade mal 30 Kilometer schafft und die Piste endlos erscheint, kann die Schüttelei mit harten Schlägen ganz schön auf die Nerven gehen. Erholung der besonderen Art bekommen wir, als sich GeU nach weiteren 10.000 Kilometern den zweiten Platten der Reise holt – mitten in einem Dorf. So wechseln wir in einer Stunde und 20 Minuten unter Beobachtung des halben Dorfes den Reifen, während die Hühner und Schweine unter und neben GeU herumlaufen. Haben wir jetzt wieder 10.000 Kilometer Ruhe? Dann müssten wir es ja nur noch einmal bis Berlin machen! Aber zuvor werden wir in den nächsten Tagen den Reifen flicken und zurückwechseln müssen.
In den kongolesischen Dörfern reagieren die Menschen auf uns wie gewohnt: ein erstaunter Blick, dann wird gewunken und gelacht. Aber im Kongo gibt es auch andere Reaktionen: die Hand wird aufgehalten. Auch auf der Piste werden wir angebettelt. Zuerst nach Zigaretten, nach unserer Verneinung wird ein leidender Blick aufgesetzt und um Essen gefragt. Die Leute sehen nicht wirklich hungrig und gar unterernährt aus, tragen noch ordentliche Klamotten und reisen auf den Lastern übers Land. Ein Versorgungsproblem scheint es in diesem Teil Kongos nicht zu geben. Überall gibt es mindestens Bananen, Maniok, Ziegen und Schweine (und in den Orten auch mehr) mehr. Uns erscheint die Anbettelei als eine dumme Masche. Einheimische werden nicht angegangen und wir fragen uns, wer es ihnen „beigebracht“ hat, so auf Weiße zu reagieren.
Ab Boma wird die Strecke deutlich besser. Auf der Teerstraße rollen wir durch hügelige, bewaldete Landschaft bis kurz vor Matadi und finden einen schönen Übernachtungsplatz auf einer Brücke. Die ersten zwei Stunden bemerkt uns hier keiner. Dann heißt es mal wieder „Big brother life“. Wir scherzen noch, diesmal life aus dem Kongo. Doch die friedliche und von Neugierde geprägte Atmosphäre, wie wir sie in Nigeria erlebt hatten, stellt sich nicht ein. Die kongolesischen Jugendlichen wollen nicht nur schauen, sondern Zigaretten, Essen und Geld. Wir verneinen und machen die Tür zu. Doch sie ziehen nicht ab, sondern beginnen auf GeU herumzuturnen und ein Außenspiegel – der einzig heile, den wir noch hatten – wird abgerissen. Arthur zeigt sich in der Dachluke und "unterhält" sich eine Weile auf Englisch mit den Halbstarken. Uns wird die übliche dumme und unglaubwürdige Leier serviert: man habe Hunger, will Geld, dann taucht ein armer kranker Bruder auf und schließlich täten es auch Zigaretten. Aber das Auto würde man natürlich nicht berühren. Währenddessen sieht man die Handies in ihren Händen blinken. So gibt es weiterhin nichts von uns und wir verabschieden uns zur Nacht.
Wir wollen gerade im Dunkeln unser Abendessen essen, als wir bemerken, dass GeU wackelt, auch klirrt es erneut. Da hilft nur noch das Weite suchen. An diesem Platz finden wir keine Ruhe. Arthur verlässt die Kabine, reicht mir noch schnell die Leiter hinein, steigt ohne Probleme ins Führerhaus ein und startet den Motor. Während er auf die notwendige Druckluft zum Lösen der Feststellbremse und zur Betätigung der Kupplung wartet (geht mit viel Gas doch recht zügig), räume ich das Essen und die übrigen losen Sachen in GeU notdürftig weg. Und dann gibt Arthur Gas, hangelt sich doch ein Jugendlicher gerade vom Dach herunter. Auch an der hinteren Tür rüttelt es bedrohlich, doch die Tür ist von innen verriegelt. Die Fenster hatten wir schon vorher unbemerkt geschlossen und ich fühle mich hinten in Sicherheit.
Einige Kilometer weiter finden wir an der Hauptstraße mit Blick auf den Kongo und den großen Hafen von Matadi einen neuen Platz und verbringen eine ungestörte Nacht, wenn auch mit unruhigem Schlaf. Vor allem ich horche immer wieder, dass draußen nichts ist bzw. keiner Interesse an uns zeigt. Am nächsten Morgen machen wir eine Bestandsaufnahme der Schäden: der Rampenspiegel und die beiden Nebelscheinwerfer sind mit roher Gewalt abgerissen und dabei zerstört worden. Außerdem haben die Jungs die Spanngurte zur Befestigung des Reservereifens auf dem Dachgepäckträger mehrfach durchgeschnitten. Zum Glück haben sie den Riemen um die im Reifen liegende Gasflasche nicht gesehen, die dann bei unserer zügigen Abfahrt den Reifen gehalten hat. Unsere Nummernschildern sind noch dran. Arthur war am Morgen mit der Befürchtung aufgewacht, dass die abgeschraubt worden wären. Das hätte uns viel Ärger gebracht. Die vorhandenen Schäden beheben wir provisorisch. Der Weitwinkelspiegel dient nun als Rampenspiegel, die Kabel der Nebenscheinwerfer werden isoliert, die Spanngurte wieder zusammengeknotet. Nach fünf Monaten on Tour haben wir das erste Mal eine negative Erfahrung gemacht. Das gehört wohl leider auch zu Reisen dieser Art dazu und hätte uns auch in anderen Ländern passieren können. Stutzig macht uns dann aber doch die Bemerkung der Polizisten am nächsten Checkpoint: „Waren es Uniformierte oder Zivilisten? Aber sie zeigen ehrliches Bedauern.
Auf einer Brücke (kostet für ein Gefährt wie GeU laut Preisliste 15 US-Dollar oder die entsprechende Menge an kongolesischen Francs), überqueren wir den Kongo. Der Fluss ist hier ca. 250 Meter breit, schiffbar mit großen Containerschiffen und von Hügeln umgeben. Matadi, die wichtigste Hafenstadt des Kongos, wirkt wenig einladend und außer Bananen, Orangen und Brot finden wir keine Lebensmittel, um unsere kongolesischen Francs im Gegenwert von 10 US-Dollar auszugeben. Aber es gibt Bier, eine hervorragende Verwertung für das Geld.
Aber wir können leider nicht unmittelbar zur nahen Grenze rollen, müssen wir doch erst eine Einreisegenehmigung für Angola, sprich das Visum, beantragen. Das Konsulat finden wir mit Hilfe der GPS-Koordinaten (S 05 50.205, O 13 27.122) schnell. Und an sich agiert man hier auch schnell. Drei Stunden später haben wir ein Transitvisum für 15 Tage. Das kostet uns pro Person 80 US-Dollar und wir erleben eine weitere Visa-Beschaffungs-Geschichte der besondere Art. Wir füllen den üblichen Fragebogen aus, reichen Pässe, Fotos und Geld herüber und dürfen im viel zu stark klimatisierten Besprechungszimmer Platz nehmen. Zwei Mitarbeiter wollen noch das ein und andere von uns wissen, dienen die Antworten doch angeblich unserer Sicherheit im Land. Nur finden wir keinen Zusammenhang, als wir die folgenden Fragen (kleiner Auszug!) beantworten: die Namen der Geschwister, die Namen von Onkel und Tanten, die bisher bereisten Länder (bei uns jeweils über 50!), die Kirchen- und Parteizugehörigkeit sowie die Kosten für den deutschen Pass! Aber vielleicht hat ja jemand Ideen, wie man mit den Antworten unsere Sicherheit in Angola erhöhen kann. Wenn wir ihnen schon nicht die Beantwortung dieser schwachsinnigen Fragen ausreden konnten, konnten wir sie davon abbringen, Kopien sämtlicher Seiten, inklusive des Deckblattes und aller Visaseiten, unserer Pässe zu bekommen. Das einzige, was uns mühsam Haltung bewahren ließ, war der Gedanke, dass wir nach Angola erst einmal durch Visa-freie Länder reisen.
Entgegen unser Erwartung aufgrund anderer Reiseberichte erfolgt die Ausreise aus dem Kongo (Kinshasa) schnell, zügig und in sehr freundlicher Atmosphäre. Einer spricht, einer schreibt, einer stempelt und schon werden wir den angolanischen Kollegen übergeben.

30.05.2005

Noqui
Kongo (Kinshasa)

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