Reisetagebuch

14.04. - 18.04.2005: Nigeria, von Chikanda bis Calabar

Wir haben Nigeria erreicht. Viel haben wir über dieses Land gehört und gelesen, zumeist negativ und abschreckend. Aber Nigeria liegt nun mal auf dem Weg nach Südafrika. Auch andere Afrikadurchquerer haben es „gemeistert“ und berichten überwiegend Positives. So sind wir sehr gespannt, wie es uns ergehen wird.

Die Begrüßung in Nigeria ist ausnahmslos freundlich. Zunächst sitzen wir bei der Polizei und beobachten wie erst die Brille und dann der richtige Stempel gesucht wird. Nach unseren Erläuterungen, wir wollen das Land durchfahren, um nach Kamerun zu kommen, sollen wir einen Transitstempel in den Pass bekommen. Und dieser ist wohl schon länger nicht benutzt worden und befindet sich ganz unten im „Stempel-Körbchen“. Aber mit Arthurs Hilfe beim spiegelverkehrten Lesen findet sich der richtige Stempel. Nun haben wir neun Tage Zeit, das Land zu durchfahren.
Ein Haus weiter ist der Health Service. Drei ebenfalls sehr nette Menschen haben endlich mal wieder was zu tun. Der letzte Eintrag ist bereits drei Tage her. Unsere Internationalen Impfpässe werden begutachtet. Auf welche Impfung es ihnen wirklich ankommt (angeblich die Gelbfieberimpfung), bleibt unklar. Viel spannender ist die Unterhaltung mit uns. Einer von ihnen ist wie Arthur Agrarspezialist. Das verbindet und so wird die Begutachtung der Lebensmittel in GeU eher zur Nebensache. Arthur zeigt die getrockneten Bohnen und den Zucker. Beides wird notiert. Bis zum Kühlschrank mit den vielleicht interessanteren Sachen wie Milchprodukten, Eiern und Obst sind sie nicht gekommen. Ich beantworte derweil die Frage, warum wir keine Kinder haben und warum deutsche Frauen wenn überhaupt erst so spät Kinder bekommen. Und im dritten Haus befindet sich der Zoll. Der Zöllner kennt wohl das Carnet, hat aber gerade keine Brille parat und lässt sich von Arthur sagen, wo er was hinschreiben und stempeln muss. Damit sind wir „drin“ und können über die Dörfer Richtung Abuja fahren.
Die Freude, uns zu sehen, ist riesig. Kinder brechen in lautes Geschrei aus und fuchteln wildwinkend mit den Armen. Aber auch die Erwachsenen grüßen und zeigen offensichtliche Freude. Um so erschrockener sind wir, als wir schon bald nach der Grenze an einem Dorfeingang über ein Nagelbrett fahren und nichtuniformierte Jugendliche mit Waffen unter einem Sonnendach hervorkommen. Doch man will uns nichts Böses. Kurze Unterhaltung, Kugelschreiber geschenkt und weiter geht es. Bleibt die Frage, ob unsere Reifen auch weiterhin mitmachen. GeU hatte zwar das Nagelbrett umgefahren, aber sicher sind wir nicht. Als wir kurz danach ein lautes Zischen hören, sind wir schon auf einen Reifenwechsel eingestellt. Fehlalarm! Das Zischen kam vom Überdruckventil des Luftdrucksystems.
Noch häufig sehen wir Nagelbretter auf den Straßen liegen, aber fast immer werden sie ohne weiteres zur Seite geräumt. Außerdem gibt es viele Polizeikontrollen. Die meisten finden es beeindruckend, dass wir den ganzen weiten Weg aus Deutschland mit dem Auto gefahren sind und wünschen uns einen guten Aufenthalt in Nigeria. Nur einmal wird nach „Food“ gefragt. Wir reichen mit den Worten „just a few“ die gerade aufgefüllte Keksdose und bekommen sie komplett geleert zurück. So werden für den nächsten Tag Tütchen mit Keksen gepackt, aber seitdem wollte keiner mehr etwas außer Wasser. Das haben wir gerne gegeben – samt der ausgewaschenen Gemüsesaftflasche. Die Freude ist groß und wurde nur dadurch getrübt, dass es doch kein deutsches, sondern ghanaisches Wasser war.
Der Weg nach Abuja verläuft am Anfang nicht gerade luftlinienmäßig und ist bis Kaiama grottenschlecht. Wir werden kräftig durchgeschaukelt und können uns diesmal angesichts unser eng bemessenen Zeit nicht wirklich über die Strecke quer durch den Busch erfreuen. In Kaiama erreichen wir die Teerstraße und schaffen die insgesamt ca. 650 Kilometer von der Grenze bis Abuja in zwei Tagen.
Über mehrspurige Autobahnen gelangen wir ins Zentrum der nigerianischen Hauptstadt (es ist wirklich Abuja und nicht Lagos) und sind erstaut über die hochmoderne und architektonisch durchaus spannende Stadt mit riesiger Moschee. Wir suchen das Sheraton Hotel, fahren selbstbewusst auf den Hotelparkplatz und gehen demonstrativ in die Hotellobby. Nur Hotelgäste können hier Geld wechseln. Aber man ist so freundlich und zeigt uns nigerianisches Geld, damit wir gegenüber schwarz tauschen können. So hat sich die Frage nach dem Campen nicht ergeben und wir beschäftigen uns erst einmal mit der Bargeldbeschaffung. Bei Banken brauchen wir es am Freitagabend nicht versuchen. Der Schwarzmarkt ist nicht attraktiv. Also wollen wir ins Hilton, wo es angeblich einen Bankautomaten gibt. Damit wir uns ein Taxi leisten können, tauschen wir zehn Dollar schwarz und werden im Hilton wirklich wieder „liquide“. Zwar stürzt der Automat beim ersten Versuch ab und braucht eine Weile, bis er sich berappelt hat. Dann gibt es Geld mit der EC-Karte. So düsen wir mit dem Taxi vom Hilton zurück ins Sheraton und verziehen uns in unser Wohnmobil. Die Wachmänner haben uns wahrgenommen, aber stören sich nicht an uns. Nach einer ungestörten und kostenlosen Nacht verlassen wir am nächsten Morgen selbstbewusst den Hotelparkplatz.
Unsere Dieseltanks sind nun fast gänzlich leer, aber Tanken ist in diesem Land mit riesigen Erdölvorkommen alles andere als einfach. Die meisten Tankstellen unterwegs waren verwaist. Erst ab Mokwa und in Bida hätte man wohl etwas bekommen, was wir mangels Bargeld nicht versucht haben. In der Hauptstadt fallen vor allem die langen Schlangen an den Tankstellen auf. Die erste angefahrene Tankstelle hat keinen Diesel mehr. Ein junger Mann bietet sich an, mit uns Diesel aufzutreiben. Sollten wir 500 Liter bekommen, bekommt er eine Provision. Da auch die nächste Tankstelle keinen Diesel hat, landen wir auf dem Schwarzmarkt direkt gegenüber. Angeblich 500 Liter werden in zwei großen Fässern angerollt. Unser Helfer hat inzwischen mindestens zehn Gehilfen und es beginnt eine gnadenlose Dieselplanscherei, die mit unserem Umweltbewusstsein nicht wirklich vereinbar ist. Aber irgendwie muss der Diesel in unsere Tanks und dass manches daneben geht und im Boden versichert, stört hier überhaupt keinen. Nur kommen am Ende zu wenig Liter in GeU´s Tanks an. Der obere Zusatztanks bleibt leer, mehr als ca. 360 können es nicht gewesen sein. Wo ist der Rest? Eine mühselige und langatmige Diskussion entbrannt mit unserem Helfer, dessen Lieblingsworte „No problem“ und „Don´t worry“ sind. Wirklich gelöst wird das Rätsel nicht. Unsere Vermutung: die Fässer sind in Wirklichkeit kleiner und waren nicht so voll wie gedacht. Bei einem nächsten Tanken dieser Art werden die Fässer zuvor vermessen und eine genauere Füllstandskontrolle vorgenommen. Am Ende bezahlen wir zwar nicht 500 Liter aber auch mehr als die ca. 360 erhaltenen Liter. So ist das nun in diesem Land. Aber ein bisschen ärgern tun wir uns dann doch, als wir kurz hinter Abuja eine Tankstelle finden, die ausreichend Diesel aus der Zapfsäule hat und wo wir die offiziellen 65 Naira (ca. 38 Cent pro Liter) zahlen. Auch diese Erfahrung gehört zu Afrika.
Was auch zu Afrika gehört, erleben wir bei unserer nächsten Übernachtung auf dem Weg nach Calabar. Wir suchen einen Übernachtungsplatz. Aber wo wir auch hinschauen, sind Hütten und Menschen. Also fragen wir, ob wir in einem kleinen Dorf übernachten dürfen. Die Antwort ist „ja“. Wir richten uns gerade ein, als Arthur gebeten wird, beim Landlord bzw. Chef des Dorfes vorzusprechen. Umgebend von reichlich Menschen geht Arthur zu dessen Haus und macht auf hohe Diplomatie. So erteilt auch der Chief die Genehmigung zum Übernachten. Und was dann am Abend und am Morgen erfolgt, kann man eigentlich nicht beschreiben. Das muss man erlebt haben. Wir sind umringt von staunenden Menschen. Da es nun dunkel ist, hören wir es nur lachen, kichern und quasseln. Als wir das Außenlicht anmachen, schauen wir in mindestens 25 schwarze Gesichter, die panisch zur Seite sprangen – allerdings auch schnell wieder da sind. Als wir keine Lust mehr auf diese Untermalung und Beobachtung haben, rufen wir „Good night“ und machen das Licht aus.
Kaum ist es hell, geht „Big brother life“ mit bester Einschaltquote weiter. Wir gehen unter den Augen von ca. 50 Personen in unserem „Container“ den gewohnten morgendlichen Beschäftigungen nach: frühstücken, abwaschen und diesmal noch etwas Wäsche waschen. Letzteres macht auch noch ein Mann! Alles wird genauestens beobachtet. Abstand wird überhaupt nicht mehr gehalten. Während die Erwachsenen zehn Meter von GeU entfernt etwas seitlich stehen, drängen sich vor allem die Kinder um die besten Plätze vor unserer Leiter bzw. sitzen im nahen Baum. Die Stimmung ist gut, über alles, was wir tun, wird geredet und gelacht. Auch wir lachen viel. Als wir Fotos machen, wird es noch fröhlicher. So hatten alle ihren Spaß bei diesem für beide Seite unvergesslichem Ereignis!
Der weitere Weg nach Calabar ist weitgehend ereignislos. Die Teerstraße endet plötzlich und abrupt. Es folgt Schüttelpiste mit einer wenig vertrauenserweckenden Brücke. Es ächzt und knarrt, als GeU drüber fährt, aber sie hält. Einmal müssen wir den Computer herausholen, um zu schauen, wo Ogoja ist, damit wir die Hauptstraße nach Ikom finden.
Schon die letzten Kilometer vor Calabar wird der Himmel schwarz und dann regnet es heftig. Die Suche nach dem „Paradies City Hotel“, wo man angeblich campen kann, wird entsprechend schwierig. An einer Tankstelle begegnen wir einem richtigen Gutmenschen. Er zeigt uns den Weg und läuft anschließend im strömenden Regen zurück – ohne dass wir ihm irgendetwas Gutes tun können. Wir verkriechen uns ins Wohnmobil und haben eine angenehm kühle Nacht.
Eigentlich wollten wir pünktlich um 9.00 Uhr am Konsulat von Kamerun sein, um das Visum für Kamerun zu besorgen. Nach dem vergeblichen Versuch in Dakar nun der zweite und dringende Anlauf. Aber das wir etwas später dran sind, macht nichts. Neben uns warten noch andere darauf, bis jener Mann um 9:30 Uhr auftaucht, der Herr über das „Gästeempfangsbuch“ ist. Wir müssen die Pässe zeigen, uns eintragen und erklären, dass wir ein Touristen-Visum haben wollen. So werden wir bis zur „Reception“ vorgelassen, wo wir wiederum auf die Mitarbeiterin warten (9:55 Uhr). Die Zeit nutzen wir, noch schnell einen „application letter“ zu schreiben. Da wir keinen Kopierer haben, schreibe ich den Brief noch einmal ab. Dann geht es los. Der Brief wird begutachtet. Nein, so geht das nicht. Zwei Menschen, die nicht verheiratet sind, können nicht zusammen einen Brief einreichen. Also wird jeweils ein Name beim Absender durchgestrichen. Kurz danach fällt ihr auf, dass wir uns nur an das „Konsulat“ und nicht an den “Konsul“ gewandt haben. Also ergänzen wir das. Dann dürfen wir für 520 Naira „Stamps“ kaufen, die auf die Briefe geklebt werden. Erst jetzt kommen wir zum uns inzwischen bekannten Visum-Antragsverfahren. Wir füllen zweifach die Formulare aus (müssen mal wieder die Namen der Eltern angeben) und reichen sie mit drei Passfotos ein. Und schon wieder einen Fehler gemacht. Bei der Art des Passes darf nicht nur „passport“ stehen, sondern „ordinary passport“. Aber wir dürfen die Angabe „ordinary“ in Klammern anfügen. Geschafft bis hierhin. Die gute Frau verschwindet mit den Unterlagen und kommt ohne sie zurück. Aufgrund von Reiseberichten fragen wir vorsichtig nach, was jetzt geschieht. Warten. Aber zuvor müssen wir noch eine Kopie der Zulassung abgeben und bitten um sofortigen Vergleich von Kopie und Original. Dann erklärt sie uns, dass ein Visum 48 Stunden braucht und wir um 14.00 Uhr wiederkommen sollen.
Wir kaufen endlich Gemüse ein und sitzen im Internetcafe. Als wir wieder im Konsulat auftauchen, heißt es „we are still waiting“. Nach einer halben Stunde kommt die uns noch nicht bekannte Visa-Bearbeitungstante und gibt uns unsere Pässe wieder. Der Konsul sei heute nicht im Haus, käme wohl auch nicht mehr. Wir sollen morgen wiederkommen. Aber ob dann der Konsul da sei, wisse man nicht. Ob ein anderer unterschreiben kann? Nein, das ginge nicht. Mit einer Mischung aus - natürlich nicht gezeigtem - Kopfschütteln, Ärgern und Lachen über afrikanische Arbeitsweise verlassen wir das Konsulat.
Und so warten wir mal wieder. Ein uns bekannter Zustand!

18.04.2005

Calabar
Nigeria

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