Reisetagebuch

28.03. - 06.04.2005: Ghana, Accra und Umgebung

Über dreispurige Straßen gelangen wir nach Accra. Trotz Ostermontag herrscht hier jede Menge Betrieb. Von einer Feiertagsruhe wie in Deutschland ist nicht viel zu spüren, außer in den vermutlich geschlossenen Botschaften. Wie es sich mit den Firmen verhält, wissen wir nicht und fahren zunächst zu der uns empfohlenen Firma, die Solarpanele verkauft. Im Nachhinein war das ein genialer Schachzug.

Auch bei Deng Limited ist Feiertag. Aber der Executive Director ist nach drei Tagen zuhause von der Familie geflohen und uns gerne behilflich. Arthur und Chris diskutieren lange über unseren Energiebedarf und den Bedarf an Panelen. Am nächsten Tag, wenn der Verkauf wieder besetzt und wir Geld geholt haben, werden wir ein drittes Panel auf GeU´s Dach montieren. Anschließend sollten wir keine Probleme mehr mit der Energieversorgung haben, wenn wir mal einige Tage irgendwo stehen und die Hauptmaschinen nicht läuft. Das ist auch so, wie sich schon am Tag nach der Montage herausstellt.
Nach den Energiegesprächen plaudern wir noch ein wenig mit Chris. Er ist Amerikaner und will die seit 17 Jahren in Ghana ansässige Firma seines dänischen Schwiegervaters übernehmen und in Westafrika expandieren. Er bietet uns an, auf dem Firmengelände zu campieren. Das nehmen wir gerne an, gibt es laut Reiseführer keine Campingmöglichkeit in Accra. Außerdem finden wir bei Deng alles, was wir brauchen: Rasen mit Schatten spendenden Bäumen, einen Wasserhahn und eine Mülltonne. Außerdem werden wir von Dengs Wachmannschaft rund um die Uhr bewacht. So wird Deng für über eine Woche unser „zuhause“. In den Geschäften in der Nähe kennt man mich schnell. Dort gibt es alles für den täglichen Bedarf (Obst, Brot, Eier und Bier). Und das dortige Internetcafe ist günstiger und schneller als die Mega-Internetcafes im Zentrum Accras. Was wollen wir mehr. So war es eigentlich auch völlig überflüssig, dass wir nach acht Nächten bei Deng an den Strand östlich von Accra fuhren. Strand gab es zwar, aber der Platz inmitten von Müll bei weitem nicht so komfortabel. So kehren wir nach einer „aushäusigen“ Nacht auf unser Firmengelände zurück.
Von Deng aus arbeiten wir unsere to-do-Liste ab. Wie sollte es anders sein, ist an GeU etwas zu tun. Schon kurz vor Accra hatten wir Schutzgitter für die diversen Lüftungsrohre und Kamine schweißen lassen, hatten diese doch im Busch arg gelitten. Für Arthur war das Beobachten der Schweißarbeiten ein Erlebnis, erbrachten die Jungs doch mit einfachster Technik ein gutes Ergebnis. Das Schweißgerät ist ein einfacher Trafo im Ölbad mit ein paar mit einer Zange drangezwirbelten Kabeln. Es gibt nur eine kleine Handmetallsäge, größere Stücke werden mit dem Meisel getrennt. Löcher werden statt mit einer Bohrmaschinen mit einer Elektrode gebrannt. Mit dieser Ausstattung werden Vans und Kleinbusse mit großflächigen Durchrostungen oder Unfallschäden "repariert". Das heißt, dass die Karosserie- und Bodenbleche aus einfachem Flachblech gekantet und gedengelt werden - ohne Werkzeug (Kantmaschine etc.) eine sehr beeindruckende Leistung. Diese neuen Bleche ersetzen dann die alten Bleche meist bis zur halben Höhe der Fenster; auch Dachkanten und Regenrinne wurden auf diese Weise komplett erneuert. Am Ende sehen die Fahrzeuge nach dem Schleifen und Lackieren fast wieder wie neu aus.
Weil es immer ein Vergnügen ist, wechseln wir mal wieder den Reifen und demontieren ihn. Der von uns in Mali nur genähte Mantel soll heiß vulkanisiert werden. Das ist zunächst ein mühseliges Unterfangen, finden wir doch nicht die richtige Werkstatt. Wir irren durch die Stadt, fragen hier und dort und werden entsprechen von hier nach dort gescheucht. Aber am Ende sind wir mit dem Ergebnis zufrieden. Natürlich muss der reparierte Reifenmantel wieder mit der Felge zusammengeführt werden. Anschließend heißt es noch einmal Reifenwechsel.
Neue Fliegengitter aus Aluminiumprofilen für die hintere Tür und die Dachluke standen zwar nicht auf unserem Einkaufszettel, aber die Gelegenheit ist günstig und gut. Gemeinsam mit dem Chinesen, dem die Werkstatt gehört, und seinen schwarzen Angestellten werden die Rahmen nach immer wieder geführten Diskussionen fertiggestellt und montiert. Hier gibt es immerhin eine moderne elektrische Kapsäge mit der man die erforderlichen Präzisionsschnitte machen kann.
Das zweite große to-do ist die Beschaffung diverser Visa. Aber zuvor brauche ich einen neuen Pass. Ich hatte zwar im Vorfeld unserer Reise mehrfach nach der Gültigkeit des Passes geschaut, aber nicht nach dem noch vorhandenen Platz für Visa und Stempel. Nun ist alles voll. So suchen wir zunächst die Deutsche Botschaft auf. Die Ausstellung eines vorläufigen Passes ist kein Problem, nur muss die Heimatgemeinde zustimmen. Dank modernster Kommunikationstechnik geht das zügig. Nach zwei Tagen habe ich einen von der „Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Accra“ ausgestellten Pass. Interessant ist die Gebührenzusammenstellung. Der Pass kostet nicht einfach 39 Euro (zu begleichen mit 470.000 Cedis), sondern die Summe errechnet sich aus je 13 Euro für die Passausstellung, für die Nichtzuständigkeit und für das Tätigwerden im Ausland. Deutsche Bürokratie!
Mit dem neuen Pass geht es zur nigerianischen Botschaft. In allen Reiseführern steht, dass Nigeria eine sehr strikte Visa-Politik hat. Die Visa sollen im Heimatland, also von uns in Deutschland, beantragt werden. Mit dieser Begründung werden häufig Visa abgelehnt. So sind wir etwas nervös, ob es uns gelingen wird. Die Fragerunde geht zäh los. Außer der Deutschen Botschaft in Lagos haben wir keine Referenzen. Hotelbuchungen können wir auch nicht vorweisen. Aber dank vieler zuvor gemachter Kopien von Reisepass, Ghana-Visum, GeU-Zulassung, Führerschein und Versicherung sowie der 56 US-Dollar (pro Person!) kriegen wir sie. Am nächsten Tag dürfen wir wiederkommen und bekommen tatsächlich ohne weitere Fragen unsere Visa. Und kurz danach haben wir schon das nächste Visum im Pass. Die Botschaft von Togo stellt das Visum für 20 US-Dollar pro Person am gleichen Tag aus. Afrikanischer Visa-Beschaffungs-Rekord. Bei den Togolesen erfahren wir auch, was mit den Visaanträgen passiert. Sie liegen zuhauf als Stapel geschnürt wahllos in der Ecke. So gingen mal wieder drei Passfotos dahin - ohne dass jemals jemand unseren Visaantrag wiederfindet.
Neben mehreren Einkäufen in den wirklich gut sortierten, aber auch nicht gerade preisgünstigen Supermärkten haben wir uns intensiv mit der Geldbeschaffung beschäftigt und haben von Ghanas Banken nicht den besten Eindruck gewonnen. Der Gerücht, dass man hier mit EC-Karte Geld holen kann, blieb eins. Geldautomaten gibt es zwar reichlich, aber mehr als 800.000 Cedis (ca. 65 Euro) spucken sie sowieso nicht aus. Bei den von benötigten Geldmengen für Solarpanel, Fliegengitter, Reifenreparatur und sonstigem Bedarf lohnt das kaum. Außerdem wurden alle von uns versuchten Vorgänge „nicht fortgesetzt“. In einer Bank klappte die Bargeldbeschaffung per Visakarte exzellent. Als wir das Wiederholen wollen, gibt es Computerprobleme für mehrere Tage. Die nächste Bank besteht auf den Reisepass, der aber gerade bei einer Botschaft lag und die Identity Card wollen sie nicht akzeptieren. Als der Pass wieder vorhanden ist, wollen sie eine Adresse in Ghana. Wieder einmal geben wir „c/o Deng, Alajo, Accra“ an, was sich auch schon bei den Visaanträgen bewährt hat. Aber ein Rücktausch in Dollar ist nur möglich, wenn man dort ein Kundenkonto hat. Da half dann ein Forex-Büro aus. Alles zusammen eher überflüssig und nervig.
Aber wir arbeiten nicht nur in Accra. Über eine Freundin in Berlin lernen wir Dorothea kennen. Sie ist in der Deutschen Botschaft für Entwicklungshilfe zuständig. Das gibt schon Anknüpfungspunke. Aber auch so haben wir uns gegenseitig viel zu erzählen. Wir verleben einen ausgesprochen netten Abend bei ihr in der Airport Residential Area und sind erst weit nach Mitternacht wieder zuhause. Am nächsten Tag gehen wir auf Empfehlung von Chris in die Champs Bar. Das ist seiner Meinung nach der „coolste“ Ort in Accra. Am Donnerstagabend ist dort Quiznight. Nach der ersten Runde hat das GeU-Team den letzten Platz. Den verteidigen wir wacker bis zum Schluss. Bei Sportfragen sind wir gänzlich aufgeschmissen und auch sonst fehlt uns mangels Zeitungslektüre das aktuelle Wissen. Wie gut, dass uns dort inmitten der internationalen Community keiner kennt. Selbst Chris, der unser Auto kennt, hatte unseren Teamnamen nicht identifiziert. Aber wir stehen zu unserem Abschneiden und hatten bei mexikanischem Essen und ghanaischem Bier unseren Spaß.
Und dann haben wir alles erledigt und könnten abfahren. Nur ist unser Paket mit Ersatzteilen aus Berlin noch nicht da. So schließen wir uns dem Sonntagsausflug an, den Dorothea mit ihrem Besuch aus Deutschland zum Volta-Staudamm in Akosombo macht. Von der Terrasse eines Hotels genießen wir bei Cappuccino den tollen Blick auf den Stausee und Staudamm. Am See essen wir auch später Mittag: Tilapia, ein Süßwasserfisch aus dem Lake Volta. Gerne hätten wir mit dem Boot noch eine Runde auf dem Voltasee gedreht, aber der Bootsmann war mit Essen und anderen Gästen beschäftigt. Warten wollten wir nicht, wollten wir doch noch die Herstellung von typisch ghanaischen Glasperlen anschauen. Die bunten Beads werden letztlich aus Altglas hergestellt. Aus geschmolzenen Glasstücken oder Glasmehl, das mit Pigmenten versehen in selbsthergestellten Lehmgefäßen aus Termitenbaulehm gebrannt wird, wird netter Schmuck hergestellt. Dass dies ein arbeitsintensiver Prozess ist, sieht man schnell, merkt man aber nicht am Preis für die netten Armbänder und Ketten. Auch ich erliege ihrem Charme.
Und da wir weiterhin auf das Paket warten, sind wir dankbar für die „Show“, die wir auf dem Deng-Firmengelände miterleben. Deng eröffnet in Anwesenheit mehrerer Botschafter ein Solartrainingcenter. Schon Tage zuvor hatte der Ereignis seine Schatten vorausgeworfen. Der Rasen wurde gemäht, das Gelände aufgeräumt, im Haus wie wild geputzt. Selbst die Blumenpötte wurden neu geweißt. Und in letzter Minute wird das Transparent angebracht. Also die übliche Hektik. Wir beobachten alles und haben unsere Freude, wie Chris und sein Schwiegervater nervös auf die offiziellen Besucher warten. Kurz nacheinander fahren der deutsche, der dänische Botschafter sowie ein offizieller Vertreter der amerikanischen Botschaft im chauffierten Wagen mit Stander vor und rauschen nach einer Stunde wieder ab. Obwohl GeU fast neben dem Botschafter-Wagen stand, fiel unser deutsches Kennzeichen nicht auf.
Und so warten wir weiterhin auf unser Paket. Täglich rufe ich in der Deutschen Botschaft an und frage, ob es angekommen ist. Schnell kennt man mich und redet mich mit Namen an. Nach acht Tagen werden wir ungeduldig und recherchieren, was los ist. Auf den DHL-Seiten im Internet finden wir das Paket mit der uns durchgegebenen Einlieferungsnummer nicht. Also gehen wir zu DHL in Accra und erfahren, dass das Paket nicht mit DHL, sondern mit der normalen deutschen Post an die ghanaische Post gesandt worden ist. Wir suchen das Hauptpostamt in Accra auf. Dort kann Arthur das Empfangsbuch einstehen. Unser Paket ist in Accra! Am 30. März, also vor einer Woche, ist es eingetragen worden. Mitnehmen können wir es aber nicht, weil: „we are working on it“. Whatever this means. Aber am nächsten Tag dürfen wir wieder kommen und dann wird hoffentlich alles gut.

06.04.2005

Accra
Ghana

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