Reisetagebuch

08.12. – 15.12.2005: von Ashdod, Israel, nach Monfalcone, Italien

Eine Frachtschiffreise wollten wir schon immer mal machen und empfinden die ruhigen Tage an Bord der MS „Fides“ als einen netten Ausklang unserer Afrikareise. Langsam nähern wir uns Europa und dem dortigen Winter. Ob auf See oder im Hafen: wir haben viel zu schauen und erleben die siebentägige Seereise als ausgesprochen kurzweilig. Für Abwechslung sorgt auch die reichhaltige italienische Hausmannskost mit viel Pasta und Wein!

Die „Fides“ ist eine moderne Roll-on-Roll-off-Fähre, 178 Meter lang, 26 Meter breit und 41 Meter hoch. Sie ist 1993 in Lübeck gebaut worden und hat zwei 8-Zylinder-Dieselmotoren mit insgesamt 11,5 MW, die auf eine Welle mit Verstellschraube wirken. Die Besatzung besteht aus 27 Männern und einer Frau, die als Deckskadettin gemustert ist. Es gibt Platz für zwölf Passagiere. Mit uns reisen drei weitere Deutsche, alle haben Fahrzeuge dabei. Insgesamt gibt es zehn Parkdecks unterschiedlicher Höhe für Fahrzeuge und die Kapazitäten sind beeindruckend. Werden nur Autos geladen, passen 2.400 Fahrzeuge auf die „Fides“. Das Schiff unter italienischer Flagge (Grimaldi-Group) fährt im 14-tägigen Rhythmus von Monfalcone in Italien über Piräus in Griechenland nach Ashdod in Israel. Die Häfen auf der Rückreise sind Ismir in der Türkei, Ravenna in Italien und Koper in Slovenien. Überwiegend werden Neuwagen transportiert: Mercedes von Montefalcone nach Athen, Skodas von Koper nach Israel, in der Türkei gebaute Fiats und Renaults nach Ravenna. Außerdem finden Container unter Deck Platz und in Ravenna nehmen wir alte Bagger an Bord, die für Ägypten bestimmt sind und in Athen umgeladen werden. Nicht zu vergessen: GeU – im Ladeplan korrekt als Truck mit mehr als 7,5 Tonnen bezeichnet. Er steht dicht an der hinteren Ladeluke, muss von Arthur einmal umgeparkt werden und ist sonst mit Leinen gesichert.
Wir dürfen, wann immer wir wollen, auf die Brücke. Dort bestimmen Computer das Bild. Mit den modernen Radargeräten kann die Fahrtrichtung und -geschwindigkeit anderer Schiffe bestimmt werden. Automatisch wird ein möglicher Kollisionspunkt errechnet und die Wache gehenden Offiziere akustisch gewarnt. Mit einem Nautoplot wird die aktuelle Position auf der Seekarte angezeigt. Außerdem zeigen Bildschirme alle möglichen Daten zur Hauptmaschine. Nach einer Woche mit intensivem Studium der Geräte und des Nachfragens versteht Arthur weitgehend alle Instrumente und ihre angezeigten Werte. Der Chef-Ingenieur ist ganz begeistert. Leider hat es sich nicht ergeben, dass er uns den Maschinenraum gezeigt hat. Da vor allem das An- und Ablegen interessant sind, stehen wir auch schon mal vor 6.00 Uhr morgens auf. Auch der Kapitän ist dann auf der Brücke. Wache gehen muss der Herr mit den vier Streifen nicht, aber er führt das Kommando bei allen Manövern.
Beim Laden lassen wir es uns nicht entgehen, im Laderaum herumzulaufen, wobei die Besatzung uns immer wieder aufmerksam macht, dass wir eigentlich nicht da sein sollten. Aber es ist so spannend! Als wir in Koper neue Skodas geladen haben, verschafft sich Arthur einen genauen Überblick über die Autos und würde zu gerne auch Autos an Bord fahren. Ich freunde mich direkt am ersten Tag mit dem Koch an, inspiziere die Provianträume und schaue jeden Tag in die Töpfe. Wir leben bei italienischer Hausmannskost nicht schlecht und essen zusammen mit der Schiffsleitung. Nach einem schlichten Frühstück folgen jeweils viergängige Mittag- und Abendessen mit viel Pasta. Wir genießen die Steaks und die Antipasti mit Mortadella, Salami und Schinken! Das hatten wir nicht zu oft im letzten Jahr. Passend zur italienischen Essenkultur gibt es immer Wein, woran man sich auch gewöhnen kann. Uns fehlen nur süße Nachtische. Obst zählt für uns nicht und Eis steht zu selten auf der Speisekarte!
Als wir Ashdod verlassen, scheint die Sonne, das Mittelmeer ist ruhig. Vor uns liegen 40 Stunden auf See. Am übernächsten Morgen erreichen wir noch bei Dunkelheit Ismir, wo wir für einige Stunden an Land gehen. Es ist noch sonnig, aber schon deutlich kühler. Nach gut 12 Stunden im Hafen starten wir zu einem 60-stündigen Seetrip, umfahren den Pelepones und haben recht kabbeliges Wasser in der südlichen Adria. Auch die „Fides“ schaukelt, aber trotz Sturmwarnung mit Windstärke neun haben wir keine Probleme mit Seekrankheit. Die leichte Schaukelei sorgt für guten Schlaf. In Ravenna holt uns die europäische Winterrealität ein. Um 7.30 Uhr ist es immer noch dunkel, dazu ist es kalt-feucht. Ekelhaft! Wir holen die dicken Fleecejacken, Mützen, Schals und Handschuhe heraus und beobachten das Entladen von einem frischen Standort an der Ladeluke. Für einen Stadtbummel ist es uns schlicht und einfach zu ungemütlich. Wir verziehen uns in unsere Kabine, die allerdings auch keine Heizung hat. Das slowenische Koper zeigt sich freundlicher. Es ist kalt, aber sonnig und wir bummeln durch die hübsche Altstadt mit engen Gassen. Von hier sind es nur knapp 30 Kilometer bis Monfalcone, unserem Zielhafen. Aber nach einem langen Arbeitstag im Hafen soll sich die Crew ausruhen. Wir verbringen die letzte Nacht an Bord auf Reede (vor Anker!). Am Morgen erreichen wir Monfalcone und können von Bord rollen. Wir sind wieder in Europa.
Die Fährpassage hatten wir per Mail über die in München ansässige Agentur „Neptunia“ gebucht. Es war die einzige Möglichkeit, die wir fanden, um gemeinsam mit GeU auf einem Schiff zu reisen. Alles andere hätte bedeutet, wir hätten GeU leer und offen übergeben müssen, was wir angesichts unserer Ausrüstung nicht wollten und konnten. Neptunia vermittelt weltweit Frachtschiffreisen und hatte auch versucht, für uns Verschiffungsmöglichkeiten von Djibouti zu finden.

15.12.2005

Monfalcone
Italien

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