Reisetagebuch

11.11. - 14.11.2005: Ägypten, Assuan

Auch in Assuan hat jeder von uns seine eigenen Erlebnisse. Arthur erreicht die Stadt einen Tag nach mir und ist dann zwei Tage beschäftigt, GeU aus seinem Verschluss beim Zoll herauszuholen. Die ägyptische Bürokratie schlägt alles bisherige um Längen, ist entsprechend kostspielig und schreckt ab, Ägypten mit dem eigenen Fahrzeug zu besuchen. Ich darf dagegen auf „Touri“ machen, besuche Tempel, spaziere durch die Stadt und kaufe ein. Einkaufen ist ziemlich anstrengend, da man als Europäerin um alles hart feilschen muss. Aber ich weiß, wie ich es angehen muss.

Die Unterschiede zwischen Wadi Halfa und Assuan sind riesig und wir hatten bislang keinen so abrupten Wechsel auf der gesamten Tour erlebt. Auch beim Grenzübertritt von Angola nach Namibia hatten wir das Gefühl, in eine andere Welt zu kommen. Aber in Assuan ist es noch extrem touristisch, laut und belebt. Am Nilufer und im Souk ist ein Laden mit Gewürzen, Touristenbedarf und Souvenirs nebeneinander. Man wird ohne Ende angequatscht und einfach Gucken und Bummeln ist kaum möglich. Am Nilufer bieten Taxifahrer und Feluken-Kapitäne ihre Fahrten und Trips an. Assuan ist einer der Hauptorte des ägyptischen Tourismus. Hier enden oder beginnen die Nilkreuzfahrten von und nach Luxor. Von hier aus kann man auch nach Abu Simbel fahren. Außerdem gibt es den Tempel der Isis auf der Insel Philae zu sehen und mehrere Nilinseln laden zum Spazieren ein.
Ich schließe mich etlichen Dragoman-Passagieren an und mache eine Bustour nach Abu Simbel mit. Der Tempel ist auch aus nächster Nähe beeindruckend. Die Bilder im Inneren sind sehr gut restauriert. Auch im Pfeilersaal gibt es weitere Ramses-Figuren, hier nur zehn Meter hoch. Mit dem Tempel wollte Ägypten vor ca. 3.500 Jahren seine Überlegenheit zeigen. Durchaus gelungen! Beeindruckend ist auch, dass der Tempel vor der Aufstauung des Stausees „umgezogen“ ist, sonst würde er sich heute unter Wasser befinden. Anfang der 60er Jahre war es eine logistische Leistung, den Tempel 64 Meter höher und 180 Meter weiter landeinwärts neu aufzubauen. Die Tempelwände wurden in ca. 80 Zentimeter dicke, bis zu 30 Tonnen schwere Blöcke zersägt. Am neuen Standort wurde zunächst ein Gerüst aus Stahlbeton errichtet, an dem die Einzelteile montiert werden konnten. Eine Betonkuppel überspannt zur Absicherung den Tempel.
Der Trip nach Abu Simbel ist lohnenswert, aber in mehrerer Hinsicht aufgrund der idiotischen Organisation durch die Ägypter anstrengend. Ab 3.45 Uhr werden die Passagiere an den einzelnen Hotels abgeholt. Alle Busse treffen sich am Ortsausgang und sollen im von der Polizei bewachten Konvoi die 250 Kilometer zurücklegen. Von der Polizei habe ich nichts gesehen, andere Busse waren meist außer Sichtkontakt. Trotzdem kommen fast alle zeitgleich an und alle Besucher bekommen ein Zeitbudget von ca. 1,5 Stunden für die Besichtigung. In dieser Zeit muss man zum Tempel laufen und zuvor das Ticket kaufen. Für den Ansturm von Besuchern stehen zwei Kassen bereit, Wechselgeld gibt es nicht immer und Reiseleiter drängeln auch noch vor. Anschließend drängelt sich alles vor den Tempeln und im Inneren.
Von Abu Simbel geht es in drei Stunden zurück nach Assuan. Dort besichtige ich noch den Tempel der Isis auf der Insel Philae. Die Insel liegt zwischen dem alten Assuan-Staudamm und dem neuen High-Damm und ist nur per Boot erreichbar. Auch dieser Tempel ist umgezogen, ein Stück weiter weg sieht man die verlassene Insel. Außerdem werfe ich noch einen Blick auf den unvollendeten Obelisken, was mich wenig begeistert.
Als ich im Hotel zurück bin und mich vom im Bus geholten Sonnenstich erholt habe, taucht Arthur in der Stadt auf. Auch er muss mit ins Hotel ziehen, denn GeU steht zusammen mit dem französischen und dem Dragoman-Truck unter Verschluss beim Zoll im Hafen. Um ihn da wieder herauszuholen, braucht Arthur zwei volle Tage. Die Bürokratie in Ägypten ist noch umfangreicher als im Sudan. Jeden Morgen macht sich Arthur mit Andre und Toni auf, die bürokratischen Hürden zu nehmen. Unterstützung bekommen sie von Machmud Edriss, einem Sudanesen, der seit 16 Jahren in Assuan lebt und uns von Mazur empfohlen worden ist. Ohne ihn hätte es wohl deutlich länger gedauert.
Die erste Aktion der offiziellen Fahrzeug-Einreise ist die Durchsuchung durch den Zoll und danach auf Bomben. Warum das überhaupt stattfindet, kann man sich schon fragen, aber warum es erst erfolgt, nachdem die Fahrzeuge eine Nacht im Hafen gestanden haben, bleibt ein ägyptisches Geheimnis. Die Durchsuchung ist nicht frei von Peinlichkeiten. Im Wäschefach wühlt man in meiner Unterwäsche und als mit einem langen Arm im Fach gefischt und mein Bikini-Oberteil herauszogen wird, ist dies dem Polizisten sichtlich peinlich. Dennoch wird weiter jede Kiste geöffnet und als man den 220 V Konverter für eine Bombe hält, platzt Arthur der Kragen und Machmud beschwert sich erfolgreich beim Vorgesetzten. Die Aktion wird abgebrochen. Unzählige Formulare werden ausgefüllt und müssen gegengezeichnet werden. Was Arthur unterschreibt, bleibt unklar. Die meisten Formulare sind ausschließlich in Arabisch, nicht gerade freundlich gegenüber den Gästen. Aber Ägypten mag und will keine Individualtouristen mit eigenen Autos im Land haben. Die nächste Abschreckung erfolgt schnell. Der Zoll kassiert 1.025 ägyptische Pfund (ca. 150 Euro). Ob in dieser Summe auch die häufig in Reiseführern und Reiseberichten genannte Dieselsteuer ist, bleibt unklar. Die Zollformalitäten sind damit durch, nun folgt der Akt bei der Polizei. Da diese nur vormittags geöffnet hat, müssen wir bis zum nächsten Morgen warten. Auch dort werden jede Menge Formulare ausgefüllt. Gemeinsam mit einem "Polizeiingenieur" geht es zum Hafen, ca. 15 Kilometer entfernt, um die Chassisnummer abzurubbeln. An dieser Aktion findet Arthur Spaß. Das Formular wird ausgefüllt und dann zum Rubbeln in den Motorraum gehalten. Zum einen ist es anschließend total ölverschmiert, zum anderen kann man die Nummer nur mit sehr viel Fantasie erkennen, da unsere Chassisnummer nur noch sehr schwach zu erkennen ist. Einfacher wäre es, die Nummer einfach aus den amtlichen deutschen Papieren zu entnehmen. Auch hier darf natürlich wieder gelöhnt werden. Die Polizei bekommt 150 ägyptische Pfund (ca. 23 Euro) zuzüglich zwei Pfund für Kopien und Formulare. Dafür gibt es aber einen Gegenwert: ägyptische Nummerschilder für GeU, allerdings verbeult und verrostet und ein nettes in Arabisch gehaltenes Plastikkärtchen, das wohl der ägyptische Kfz-Schein ist. Die Nummernschilder müssen wir bei der Ausreise wieder abgeben. Die deutschen bleiben auch am Fahrzeug, die ägyptischen werden zusätzlich montiert und sagen nicht viel aus: „2“ in arabischer Schreibweise plus einen Schriftzug, der auf den Zoll in Assuan hindeutet. Der Abschluss einer Autoversicherung ist in doppelter Hinsicht günstig. Es werden nur 31,70 ägyptische Pfund (ca. 4,70 Euro) für zwei Monate verlangt und die werden noch vom Taxifahrer gezahlt, den am Ende wiederum Dragoman entlohnt. So geht es wieder zum Hafen, wo „natürlich“ noch für die Bewachung der Autos gezahlt werden muss. Da der dortige Chef eigentlich schon nicht mehr da war und nur aus „reiner Freundlichkeit“ gewartet hat, sind zu den 31 ägyptischen Pfund für die Bewachung weitere 20 ägyptische Pfund "Trinkgeld" fällig (zusammen ca. 7,50 Euro). Und nach nun zwei Tagen haben wir GeU endlich wieder.
Nun müssen wir aber noch mit Dragoman abrechnen. Der Ponton wird direkt aus England bezahlt und wir hatten zunächst gehofft, einen privaten Deal mit dem Fahrer machen zu können. Aber Dragoman fragt bei der Fährgesellschaft in Assuan nach, wie viele weitere Fahrzeuge auf dem Ponton sind und fordert Rechenschaft und somit Geld von uns. Der Preis für den Ponton wird somit ziemlich genau durch drei geteilt. Wir kommen aber in den Genuss eines günstigeren Preises, da Dragoman als guter Kunde gilt. So werden nicht 19.000, sondern „nur“ gute 15.000 ägyptische Pfund (ca. 2.200 Euro) geteilt. Das macht für uns immer noch ca. 740 Euro. Wir können von Glück sagen, dass wir den Ponton teilen konnten und in Assuan über Bankautomaten an Geld kommen. Wir sparen aber bei den Kosten für das viel genutzte Taxi und für die Hilfe von Machmud. Beides zahlt Dragoman alleine.
Ich hatte mich mittlerweile um unsere Versorgung gekümmert. Um von den Ägyptern nicht komplett über´s Ohr gehauen zu werden, frage ich zuvor im Hotel nach den „wahren“ Preisen. Das war auch gut so. Gemüse kostet zwischen ein und zwei ägyptischen Pfund pro Kilo. Mir wird es zunächst für fünf angeboten. Ich zahle zwei. Bei H-Milch ist es ähnlich. Die erste Aussage ist zehn, fünf sollten es sein, ich zahle sechs. Am heftigsten will der Brotverkäufer zuschlagen: zwei Fladen werden mir für fünf angeboten, obwohl man zehn Fladen für ein Pfund bekommen sollte, was mir gelingt, als ich auf den „local price“ bestehe. Einerseits bringt es zwar Spaß, wenn Bewegung in die Preisnennung kommt, aber es bleibt anstrengend, zeitintensiv und ist immer mit der eigenen Drohung verbunden, zum nächsten Laden zu gehen.
Erfreulich ist hier zur Abwechslung mal das Tanken: bei 0,60 Pfund (ca. 0,09 Euro) bekommt man 470 Liter für gerade mal gut 40 Euro. Die Tankstelle freut sich diesmal auch, da die drei Overländer insgesamt fast 1.500 Liter Diesel einkaufen. Der Kauf einer Batterie für GeU ist dagegen etwas aufwändiger und zwingt uns, eine Nacht mitten in Assuan zu verbringen, da die Batterie noch geladen werden muss. Wir stehen auf einem Parkplatz am Nilufer und keiner nimmt Notiz von uns. Es ist nur laut, aber das war es im nahen Hotel auch.
Nun wollen wir in die westliche Wüste. Wir haben unsere Fähre über das Mittelmeer um zwei Wochen verschoben, um noch etwas Ruhe zu finden und uns von der Bürokratie und vom Basteln an GeU zu erholen. Es stellt sich die Frage, was die ägyptische Polizei zu unseren Plänen sagt. Von Norden kommende Reisende berichteten von Konvoipflicht und Polizisten im Auto. Der Reiseführer schreibt, dass die westliche Wüste vom Süden nicht erreichbar ist. So fahren wir los, fahren und fahren. Ob uns wirklich nichts stoppt?

14.11.2005

Assuan
Ägypten

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