Reisetagebuch

01.11. – 09.11.2005: Sudan, Wadi Halfa

Als wir bei unserer Ankunft in Wadi Halfa hören, dass die Fähre wegen dem Ende des Ramadans nicht in zwei Tagen fährt, sondern wir acht Tage warten müssen, sind wir froh. Nach den stressigen Fahrtagen brauchen wir Ruhe und vor allem Zeit, GeU´s Schrauben wieder festzuziehen. Wir treffen Mazur, einen netten jungen Sudanesen mit guten Englisch-Kenntnissen, der sich um unsere Ausreise kümmert und uns bei sich vor dem Haus campen lässt. Dort kümmern wir uns vor allem um GeU.

Den Namen und die Telefonnummer von Mazur Mahir (private Telefonnummer mit sudanesischer Vorwahl 00249/251/822388, am besten am Abend zu erreichen) hatten wir von anderen Reisenden bekommen. Er unterstützt Touristen bei der Ein- und Ausreise in und aus dem Sudan und wir hatten schon von Äthiopien aus mit ihm telefoniert. Einmal in der Woche (Mittwoch) fährt eine Fähre von Wadi Halfa nach Assuan. Normale Autos werden mit einem Gepäckschiff transportiert, für Trucks wird ein Ponton benötigt, der nur nach Vorbestellung von Assuan kommt. Eigentlich sollte der Ponton am Donnerstag, also zwei Tage nach unserer Ankunft in Wadi Halfa, zurückfahren, aber da der Ramadan zu Ende geht, wird ab Donnerstag gefeiert und gegessen.
Aber bis es soweit ist, müssen die Sudanesen tagsüber noch zwei Tage fasten. Pünktlich zum Sonnenuntergang wird gegessen. Die Männer kommen zusammen und essen gemeinsam. Jeder hat ein Tablett voll mit Essen dabei. Arthur darf sich Mazur anschließen. Ich bleibe bei den Frauen von Mazurs Familie und werde dort mit nubischem Essen versorgt. Sehr lecker! Als der Ramadan beendet ist, hält sich die Esserei in Grenzen oder wir bekommen es nicht mit. Die Sudanesen besuchen sich gegenseitig. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, auch wir werden mit Handschlag begrüßt, selbst wenn unsere Hände dreckig sind. Die Besucher sind herausgeputzt. Die Männer tragen überwiegend weiße Kaftans, die Frauen sind in bunten Tüchern gehüllt. Alle riechen gut parfümiert. Die Besuche sind sehr kurz. Wir haben den Eindruck, dass sie gerade so lang sind, um in die Körbe mit den Süßigkeiten zu greifen. Auch wir dürfen immer mal wieder zugreifen.
Sonst bekommt GeU unsere volle Aufmerksamkeit. Wir machen eine Bestandsaufnahme, wo das Ungetüm umgehend Hilfe braucht. Die Liste ist lang und erstaunlich. Im Wohnraum hatte es mal wieder eine Tür des Bücherschranks herausgerissen, so dass sich die Bücher auf dem staubigen Fußboden verteilt hatten. Im Bad war der Spiegel von der Wand geflogen und hat nun mehrere Risse. An den täglichen Matsch im Kühlschrank hatte ich mich schon gewöhnt. Irgendetwas hatte sich in den letzten Tagen immer selbständig gemacht und war zermatscht worden, was normalerweise während der Fahrt nicht passiert. Im Vorratsfach waren mehrere H-Milch-Packungen „explodiert“. Zum Glück waren sie in einer Vorratsbox verstaut und der Schweinkram hält sich in Grenzen.
Arthur läuft um GeU herum und ist auch hier mehrfach nur noch erstaunt. Der Unterfahrschutz ist mehrfach gebrochen, Schrauben sind einfach nicht mehr da. Sämtliche Halterungen für die Dieselzusatztanks sind gebrochen, ebenso die Kühlergrillschließer. Besonders geschockt sind wir, als wir entdecken, dass die Motorhalterung an mehreren Stellen lose ist und bei einer Halterung die Klemmbleche vollständig fehlen. Der Motor wackelt daher jetzt kräftig und hat – vermutlich erst auf den letzten Metern – den Kühlerventilator zerlegt. Wir hatten viel Glück, dass nichts in den Kühler geraten ist und es jetzt kühl genug sein müsste, so dass wir den Ventilator auf dem Weg nach Hause nicht mehr brauchen.
So sind wir gut beschäftigt. Wir starten zwar die Tage in Ruhe mit Kaffee im Bett und gemütlichem Frühstück, dann folgen lange Arbeitstage in und an GeU. Arthur findet noch viele Schrauben, die nachgezogen werden können. Sofern ich Arthur nicht eine Hand reiche, versuche ich dem Staub im Wohnmobil den Garaus zu machen. Nachdem GeU einen neuen Dieselfilter bekommen hat, fährt er auch wieder ohne Probleme und wir lassen diverse Stellen an ihm schweißen. In der Werkstatt wird auch mit einfachen Werkzeugen ein neues Klemmblech für die Motorhalterung gefertigt. Als alle neuen Probleme an GeU behoben sind, erledigt Arthur andere anstehende Arbeiten. Er wechselt den Kompressor aus, da der alte nicht mehr genug Luftdruck produzierte. Außerdem sind noch zwei kleinere Probleme zu lösen, die beim Arbeiten entstanden waren. Nach dem Ölwechsel lässt sich die Ölablassschraube mangels Gewinde nicht mehr festdrehen. Hier greift Onkel Mohammed ein, der schon die Tage zuvor ein treuer Zuschauer von Arthur war und sich langweilen wird, wenn wir nicht mehr vor dem Haus stehen. Er findet beim Nachbarn einen Blindstopfen von einer Wasserleitung. Mit Hilfe von Teflonband und Arthurs Allzweckwaffe Sikaflex hält es dicht. Sikaflex ist an immer mehr Stellen von GeU zu finden. Wir sollten bei der nächsten Reise anfragen, ob sie uns sponsern wollen. Der nächste Problem taucht auf, als Arthur den leicht tropfenden Filter an der Dieselpumpe festanziehen will. Der Filter geht dabei kaputt. Nun ist Improvisation gefordert. Ich krame alle vorhandenen Deckel von Gläsern hervor. Der vom Maggi-Majonaisen-Glas passt und wird mit einem Spezialkleber – ausnahmsweise mal nicht Sikaflex – festgeklebt. Auf den ersten Metern gibt es keine Probleme mit unserer neuen Maggi-Dieselpumpe.
Nach vier Tagen bekommen wir Gesellschaft. Plötzlich kommt der große französische MAN-Truck um die Ecke, den wir in Addis Abeba getroffen hatten. Auch Andre und Catherine wollen in der kommenden Woche den Ponton nehmen. Außerdem ist noch ein englischer Overlander-Truck von Dragoman auf dem Weg nach Wadi Halfa, den wir bereits in Khartum getroffen hatten. Da Andre Zweifel hat, ob wirklich drei Trucks auf das Ponton passen, gehen Arthur und Andre den Ponton vermessen. Es sollte gelingen, auch wenn Andre immer wieder mit neuen Stellplänen für die drei Fahrzeuge ankommt. Zumindest schont die Teilung des Pontons unser Budget und das Bargeld sollte reichen.
Von dem Ort Wadi Halfa bekommen wir wenig mit, aber viel gibt es hier nicht zu sehen. Ca. 19.000 Einwohner hat der Ort, der vor 43 Jahren komplett umgezogen ist. Ehemals war er ca. 40 Kilometer weiter westlich angesiedelt, aber als die Ägypter den Nasser-Staudamm in Assuan gebaut haben, wurde der Ort geflutet. Viele Einwohner sind 1963 gänzlich umgesiedelt worden, einige haben im neuen Wadi Halfa neue Häuser gebaut. Die Häuser sind umringt von Wüste. Alle Wege sind aus Sand, auch von unseren Standort bei Mazurs Familie haben wir einen Blick auf die Wüste. Vor allem in der Abendsonne gefällt uns der Ausblick. Regen gibt es in Wadi Halfa so gut wie nie, alle paar Jahre mal einige Tropfen. Entsprechend wenig dichte Dächer haben die Häuser.
Mazur und seine Familie sind überaus freundlich zu uns. Mehrfach bekommen wir Essen und Getränke gebracht. Mazur hilft bei einigen Reparaturen. Auch bei der Ausreise ist er eine Hilfe, auch wenn er unseren Ärger über die komplizierte, aufwändige und teure Art und Weise nicht versteht. Für ihn ist es völlig normal, dass sich die Behörden nicht abstimmen und man mehrfach irgendwo erscheinen muss. Für ihn ist es auch keine Nachfrage wert, wenn manche Dinge einfach nicht gehen. Er hinterfragt es nicht, es ist dann so und es war im Zweifel schon immer so. Aber für ihn ist es auch der Weg, um Geld zu verdienen. Wäre es im Sudan so einfach, wie in den anderen Ländern, müsste er seinen Service nicht anbieten.
So fangen wir mit den Ausreise-Formalitäten bereits am Dienstag Vormittag an, am Mittwoch Nachmittag legt die Personenfähre ab. Zeitgleich soll auch der Ponton mit den Trucks auf die Reise gehen. Unsere Bezahlung des Pontons regeln wir mit dem Dragoman-Truck, aber wir müssen trotzdem Fährtickets kaufen. Entgegen den ersten Aussagen von Mazur kann ich doch nicht auf dem Ponton mitfahren und muss die Personenfähre nehmen. Die Begründung dafür ist simpel: a letter from egypt. Aber wir hatten damit gerechnet. Wir kaufen für mich ein Erster-Klasse-Ticket für 13.922 Dinar (ca. 50 Euro) zuzüglich 50 Dinar, um den notwendigen Stempel dafür zu bekommen. Für Arthur müssen wir ein Zweiter-Klasse-Ticket für 8.050 Dinar (ca. 29 Euro) erstehen, obwohl er den Ponton nimmt. Verstehen tun wir das alles nicht, müssen wir auch nicht, nur zahlen. Dann erfolgt der erste Besuch bei der Immigration, um für 500 Dinar (ca. 1,80 Euro) eine Ausreisekarte für Arthur zu kaufen. Ein Clearing-Agent füllt die Zollpapiere aus. Das kostet natürlich auch Geld (2.500 Dinar, ca. neun Euro). Als das alles bewältigt ist, fängt das Chaos an, wann der Ponton abfahren wird. Es wird gefragt, ob eine Abreise am Dienstag in unserem Interesse ist. Alle bejahen das, so dass ich meine Sachen packe. Ich müsste zwar dann zusammen mit Catherine und den Kindern eine Nacht bei Mazurs Familie übernachten, aber wir müssten in Assuan nicht so lange auf die Fahrzeuge warten. So machen sich die drei Trucks auf den Weg zum Hafen. Ich darf zwar keine Fotos machen, aber Arthur noch begleiten. Kaum sind wir um ca. 16.30 Uhr im Hafen, heißt es, dass es heute doch noch nicht los gehe, da die wichtigen Leute nicht vor Ort wären. Die Fahrer sollen mit ihren Fahrzeugen im Hafen übernachten und warten. Das gefällt keinem, nach langer Diskussion und Rücksprachen Mazurs kehren wir alle um. Dafür soll es am nächsten Morgen zügig los gehen. Um 7.00 Uhr ist Abfahrt am Haus, um 8.00 Uhr soll der Ponton ablegen. Dass das nicht so sein würde, war allen schon vorher klar.
Die Trucks warten über zwei Stunden, bis sie das Hafengelände befahren dürfen. Die nächste Wartezeit entsteht beim Zoll. Nachdem irgendwann 1.600 Dinar (ca. 5,70 Euro) beim Zoll und 5.150 Dinar (ca. 18,00 Euro) für die Port Tax gezahlt sind und das Carnet gestempelt ist, werden gegen 11:30 Uhr die Trucks binnen von fünf Minuten verladen. Der Ponton wird längsseits an ein Frachtschiff angekoppelt, ein Schauspiel, das laut Arthurs Angaben jeder Beschreibung spottet. Jeder meint, er wäre der Kapitän und müsste die Kommandos geben. Dabei sind die meisten Leute zu blöd, eine Leine vernünftig zu vertäuen. Irgendwann ist es geschafft und man könnte eigentlich ablegen, aber es fehlt noch der Stempel im Pass. Es folgen weitere drei Stunden des Wartens. Kurz danach geht es gegen 15:00 Uhr tatsächlich los.
Arthur und GeU schaffen es somit, vor mir Wadi Halfa zu verlassen. Aber ich kann ihre Abfahrt von der Fähre aus beobachten. Ich selbst hatte erst mit Catherine und den Kinder viereinhalb Stunden bei Mazurs Familie gewartet. Dann holt uns Mazur ab, der inzwischen für uns die Ausreisekarten gekauft hat. An seinem Büro im Ort treffen wir die Passagiere des Dragoman-Trucks und werden gemeinsam für 300 Dinar (ca. 1 Euro) pro Person im Sammeltaxi zum Fährterminal gebracht. Dort warten wir, bis die Herren der Immigration erscheinen. Auch ich bekomme ohne Probleme die zwei Ausreisestempel. Widererwartend ist es unproblematisch mit unserem um sechs Tage überzogenen Transitvisum. Mazur hatte direkt nach unserer Ankunft mit der Immigration gesprochen und die Aussage war sensationell pragmatisch: „You leave the country when possible“. Wirklich erstaunlich und keiner wollte Geld dafür! Beim Zoll werden Aufkleber auf das Gepäck geklebt. Wir werden mit einem Bus zum Schiff gebracht, was eineinhalb Stunden vor der geplanten Abfahrt Wadi Halfa verlässt.

09.11.2005

Wadi Halfa
Sudan

[ zurück ]