Reisetagebuch

19.10. – 25.10.2005: Äthiopien, von Addis Abeba bis Gondar

Back on the road – ein tolles Gefühl, auch wenn der nächste platte Reifen nicht lange auf sich warten lässt und GeU nach zwei Fahrtagen an den Bremsen, an der Kupplung und an einem Radlager muckt. Das hackelige Getriebe ignoriert der Chef-Fahrer fast schon – sofern es nicht Geräusche macht. Wir sind begeistert von der tollen Berglandschaft Äthiopiens. Kurz nach der Regenzeit ist alles saftig grün in den verschiedensten Tönen. Die Straße führt uns kurvenreich rauf und runter, ist nicht immer die beste und voll mit Rindern, Schafen, Ziegen und Eseln, die nicht immer weichen. Das kostet Nerven! Trotzdem kommen wir gut voran, sehen Kirchen, Klöster und Burgen in Lalibela, Bahar Dar und Gondar und treffen zum ersten Mal den (Blauen) Nil am Tana-See.

Addis Abeba verlassen wir Richtung Nordosten und fahren am westlichem Rand des ostafrikanischen Grabens durch eine schön gescheckte Landschaft mit Akazien, Eukalyptus und Nadelbäumen entlang. Die Besiedlung ist etwas geringer als im Süden. Überall wird Feldwirtschaft (Hafer, Hirse, Roggen) betrieben. Wir können uns nur schwer vorstellen, dass es in Äthiopien Hungerskatastrophen und Dürren geben kann. Aber vor allem im Norden des Landes reichen die geernteten Produkte selbst in guten Jahren kaum zur Ernährung der hier lebenden Menschen. Mehrfach sehen wir große Nahrungsmittel- und Getreide-Depots der WFO. Außerdem gibt es ein EU-finanziertes Food Security Programm.
Auf mittelprächtiger Straße erreichen wir einen Pass in der Höhe von 3.250 Metern. Dann geht es abseits in den Graben, unter anderem durch drei Tunnel, wir verlieren nach und nach 2.100 Höhenmeter und kommen auf eine richtig gute, von der EU-finanzierten Straße. Das Vergnügen hält aber nur von Robit bis kurz vor Kembolcha an. In Weldiya biegen wir auf den „Weldiya-Werota-Highway“ ab. Unter einem Highway verstehen wir zwar etwas anderes, aber die Piste ist ok und die Landschaft grandios. Wir fahren in eine enge Schlucht hinein und kommen bis auf knapp 3.600 Meter Höhe. So hoch war GeU bis dahin noch nie. Er fährt immer noch problemlos, wenn auch mit tiefdunklen Qualwolken. Diese Straße schlängelt sich fast auf ihrer gesamten Strecke nach Westen auf einer Höhe zwischen 3.000 und 3.600 Meter und liegt auf dem Kamm. Immer wieder haben wir tolle Ausblicke in die Tiefe, mitunter auch zu beiden Seiten. In Dilbe biegen wir aber direkt ab und nehmen eine kaum noch befahrene Piste nach Lalibela. Wir suchen trotz unserer schonungsbedürftigen Reifen die Herausforderung. Zum Glück geht es überwiegend bergab, ist zunächst noch deutlich besser als manch gefahrene Piste an der Westküste Afrikas, hat aber zeitweilig Angola-Charakter, was zur Folge hat, dass uns auf dem Weg nach Gondar der zweite der runderneuerten Reifen fast um die Ohren fliegt. Die Landschaft ist auch hier beeindruckend schön und so fahren wir auf dem Rückweg von Lalibela nur einmal die gut ausgebaute Piste nach Gashema. Insgesamt werden wir diese Tage wieder einmal gut durchgeschüttelt, GeU knarrt an diversen Stellen am Führerhaus und macht deutlich, dass er langsam genug von Straßen dieser Art hat. Durchhalten, nicht mehr lange! Aber als wir die westlich gelegenere Nord-Süd-Verbindung Äthiopiens erreichen, kommen wir auf eine neue Teerstraße, erreichen zügig Bahar Dar und am Tag danach von dort aus Gondar. Auch hier bleibt die Landschaft farbenfroh und gescheckt. Es werden wohl die letzten Farbtupfer vor dem trockenen Sudan und Ägypten sein.
In Lalibela müssen wir uns zunächst um GeU kümmern. Das Radlager war zum Glück noch in Ordnung und musste nur nachjustiert werden. Der Kupplungskraftverstärker hat erneut neue Dichtungen bekommen, die hoffentlich besser sind, als jene, die in Malawi eingebaut worden sind. Größte Sorge machte uns zwischenzeitlich der Vorspannzylinder des vorderen Bremskreises, ein Teil, das wir nicht als Ersatzteil dabei hatten. Lalibela ist nicht gerade der Ort, wohin man sich Ersatzteile schicken kann, zumal wenn das Äthiopien-Visum in einigen Tagen abläuft und in einem guten Monat die Fähre über das Mittelmeer geht. Aber wir können ihn demontieren, ohne das er uns um die Ohren fliegt und finden Dreck und Schmodder der letzten 18 Jahren vor. Nach der Reinigung und Schmierung passiert auch wieder etwas, wenn Arthur auf die Bremse drückt!
Aber nach Lalibela waren wir wegen der in den Felsen gehauenen Kirchen gekommen. Man muss sich einen riesigen Felsen vorstellen, haut dahinein ein Loch und lässt alles das im Loch über, was dann die Wände und das Dach einer begehbaren Kirche ergibt. Folglich sieht man die Kirchen auch nur aus nächster Nähe, wenn man am Rande des Lochs steht. Die Felskirchen Lalibelas werden oft mit den Stätten im jordanischen Petra vergleichen. Letztere fanden wir viel beeindruckender, was allerdings auch an den Gerüsten und Dächern in Lalibela liegen könnte, um die Kirchen vor Witterungseinflüssen zu schützen. St. Georg gefällt uns daher am besten. Nichts behindert dem Blick auf die Kirche, die kreuzförmig aus dem massiven Felsen gehauen ist und deren Dach ebenerdig mit dem umgebenden Felsniveau liegt.
In der Nähe von Bahar Dar liegen die Blue Nil Fälle. Der östliche Arm des Nils entspringt südwestlich vom Tana-See, läuft durch den See und macht eine gewaltige Kurve um ihn und seine Quelle herum, bevor er Kurs auf Khartum im Sudan nimmt, wo er mit dem Weißen Nil zusammenfließt. Ca. 30 Kilometer hinter dem Tana-See fällt er ca. 45 Meter in die Tiefe. Beeindruckend sollen aber die Fälle wegen ihrer Breite sein, doch dieser Anblick ist Vergangenheit und ein Blick auf den Ein-Birr-Schein wäre einfacher gewesen. Die größten Wassermengen laufen heute durch ein Wasserkraftwerk. Außerhalb der Regenzeit sind die Fälle eher ein Rinnsal. Aber das Gesamtbild in der Landschaft ist nett und wir machen dort einen netten Spaziergang. In Bahar Dar quartieren wir uns mit Seeblick im Hotel Ghion ein. Als es heißt, dass um 14.00 Uhr ein Boot zu Klöstern auf den See-Inseln geht, schließen wir uns dem an und erleben Afrika life. Das Boot um 14.00 Uhr nimmt uns doch nicht mit, obwohl es nicht voll. So wird ein wenig gewartet und diskutiert, wir können den Preis reduzieren, da Arthur auf dem Quittungsblock gesehen hat, dass andere nur 50 Birr pro Person statt der uns genannten 100 Birr bezahlt haben. Wir einigen uns auf 75 Birr und sitzen kurz danach auch im Boot. Auf mehreren Inseln und einer Halbinsel liegen diverse Klöster. Nicht alle können besucht werden, manche erlauben keine Frauen. Wir besuchen zwei Klosterkirchen, die auch mich gegen Eintritt hineinlassen. Die Klosterkirchen sind rund und haben im Inneren quadratische Heiligtümer, die mit teilweise blutrünstigen Szenen des alten und neuen Testaments bemalt sind. Die Rückfahrt zum Hotel erfolgt beim Sonnenuntergang. Die Sonne ist hinter Gewitterwolken versteckt, so dass wir ein tolles Farbenspiel erleben und immer wieder die Kameras herausholen.
Der nächste Stopp mit Besichtigungen ist in Gondar. Die Stadt war bis zur Gründung von Addis Abeba Ende des vorletzten Jahrhundert Kaiserstadt, zahlreiche Paläste zeugen davon. Als wir das Gelände der Royal Enclosure betreten, fühlen wir uns, als wären wir in Schottland oder Irland. Prächtige Burgen mit dicken Steinmauern und Türmen stehen hier. Sie sind ab 1640 von Kaiser Fasilidas gebaut worden. Ob der europäische Stil Zufall oder mit Hilfe von Europäern entstanden ist, können wir leider mangels detaillierten Äthiopien-Reiseführer nicht in Erfahrung bringen.
Überall in Äthiopien treffen wir Menschen und Tiere, von allem nicht zu wenig. Immer wieder sind Esel und Rinder mitten auf der Straße und sind ausgesprochen stur. Ihre Hirten sind besonders indolent und gehen ihrer Aufgabe, die Tiere zu beaufsichtigen, nicht nach. Sie schauen uns an, gehen eventuell selbst noch ein wenig zurück und zeigen sonst keine Reaktion. Des öfteren sind heftige Ausweich- und Bremsmanöver erforderlich. Ich bewundere Arthurs Nerven und kündige mehrfach an, lieber hinten ohne Blickkontakt auf die Straße mitzufahren. Menschen gibt es in Äthiopien auch nicht zu wenig. Vom Auto aus sehen wir die meisten winken und winken zurück. Bettelnde Gesten sind aber auch nicht selten. Steigen wir aus oder laufen durch Orte hören wir von allen Seiten „hello“. Reagiert man nicht, wird das „hello“ lauter. Von einer freundlichen Begrüßung bleibt nicht viel. Reagiert man, hört man als nächste oft „pen“ oder „money“. Selbst in den abgelegensten Ecken auf dem Weg nach Lalibela treffen wir auf dieses Verhalten und fragen uns wieder einmal, was die Menschen bzw. vor allem die Kinder dazu gebracht hat, so auf Weiße zu reagieren. An diesem Punkt ist Äthiopien eins der anstrengenderen Länder.

25.10.2005

Gondar
Äthiopien

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