Reisetagebuch

14.10. – 19.10.2005: Äthiopien, Addis Abeba

So hängen wir nun als passive Mitspieler in unserem Visa-Krimi in Addis Abeba fest und bekommen einen ersten Eindruck in die Mentalität der Sudanesen. Arthur nutzt die Zeit, eine Erkältung zu bekommen und auszukurieren. Entsprechend verbringen wir die Zeit „Zuhause“ in und rund um GeU. Selbst der Weg zu unserem Lieblingscafe ist uns zu weit. Um so erfreuter sind wir, als eine Ladung europäischer Overlanders im Hotel ankommt und für Abwechslung sorgt. Gemeinsam testen wir die äthiopische Küche.

Das Hotel „Bel Air“ ist wahrlich nicht der schönste Platz auf unserer Reise, aber hier treffen wir die meisten Afrika-Durchquerer auf der gesamten Reise. Andre und Catherine sind immer noch da, warten zwar nicht auf ein Visum, aber auf Ersatzteile aus Frankreich. Dann tauchen John und Tjitske aus Holland auf, die mit einem Geländewagen mit Dachzelt unterwegs sind. Kurz danach kommen Jens und Andrea aus Fürth, die mit ihrem Landcruiser die Strecke von Deutschland bis Südafrika in vier Monaten machen wollen. Außerdem findet sich noch ein südafrikanisches Paar ein, das auf einem Motorrad reist, was ein extrem sparsames Gepäck bedeutet. Alle legen in Addis einen Pausentag ein und basteln an den Fahrzeugen. Wir hatten schon am Vortag gebastelt, so dass Arthur den Berater macht, überall schaut, hilft und Werkzeug ausleiht. Wir berichten von unserer Visa-Story und hören mehrfach, dass es das sudanesische Visum in Kairo innerhalb von zwei Stunden gibt. Also doch nach Kairo fliegen? Irgendwie bleibt uns das zu unsicher. So lassen wir Arthurs Mutter in Berlin klären, ob es das Visum dort schneller gäbe, aber die Antworten sind so, dass es nicht wert ist, die Pässe mit DHL nach Berlin zu senden. Also harren wir weiterhin in Addis aus. Hier ist inzwischen die Regenzeit vorbei. Die Nächte sind angesichts der Höhe weiterhin frisch, aber tagsüber knallt die Sonne. So werden unsere Batterien über die Solarpanels gut geladen und wir können stundenlang am Computer spielen.
In großer Gruppe gehen wir ins Restaurant „Addis Ababa“, das als klassisch äthiopisch gilt. Wir sitzen auf kleinen Hockern an Korbtischen, auf die die riesigen Platten mit mehreren Lagen „injera“ und sehr scharfen Saucen gestellt werden. Die Injeras gelten als das Hauptnahrungsmittel der Äthiopier. Da hinter verstecken sich riesige Pfandkuchen aus Hirse (genauer gesagt aus Teff – für die Agrar-Ingenieure unter den Lesern!). Die Hirse wird gemahlen, angeteigt und fermentiert, so dass ein Sauerteig entsteht. Die Injeras sehen ein bisschen wie ein Schwamm oder wie ein Pansen aus, schmecken aber gut. Dazu gibt es verschiedene Saucen, die vor allem eins auszeichnet: sie sind sehr scharf. Mit den Händen reist man die Injeras in Stücke, wickelt Fleisch und/oder Gemüse ein und taucht alles in die Saucen ein. Äthiopisches Bier schmeckt vorzüglich dazu. Aber zum Nachtisch probieren wir trotzdem noch das Nationalgetränk „tedj“, das mit Honigbier übersetzt wird. Das Gemisch aus Honig, Wasser und den Blättern des Gesho-Baumes schmeckt beim ersten Mal sehr gewöhnungsbedürftig, dann wird es besser. Früher gab es das Honigbier nur für den Kaiser und die Fürsten. An diesem Abend sehen wir es viele Äthiopier trinken. Es wird immer noch aus einer kleinen Kugelflasche – berille – getrunken.
Andrea und Jens sind so freundlich, uns ihren Sudan-Reiseführer zu leihen und das Kapital über „Hassles“ gefällt uns besonders gut. Es beschreibt die Mentalität der Sudanesen vorzüglich, jedenfalls von jenen, die wir schon hier in Addis kennen lernen durften. Einem Witz zufolge ist der Sudan „run by IBM“. Es ist nicht das Computerunternehmen gemeint, sondern die drei Regeln „inshallah“, „bokra“ und „malesh“. So fern Gott will, werden wir ein Visum bekommen. „bokra“ heißt „morgen“, steht aber für irgendwann in der Zukunft oder auch „anytime from now“, wie wir gerne sagen. So entschuldigen sich die Sudanesen gerne mit „malish“ und bewahren so ihr Gesicht. Letzteres kommt den Mitarbeitern der sudanesischen Botschaft allerdings selten bis gar nicht über die Lippen. So rät der Reiseführer, bei Hassles mit der Bürokratie an inshallah, bokra und malesh zu denken und zu lächeln. Das fällt uns noch schwer, aber wir haben reichlich Gelegenheit zu üben und gelassener zu werden. Wir erkundigen uns zwar nach Schiffsverbindungen von Djibouti, geben aber die Hoffnung auf ein Visum-Wunder nicht auf – sofern Gott will, wird alles gut. Am Montag macht Arthur den täglichen Anruf in der Botschaft und bekommt zu hören: „Come after tomorrow morning at 10 o'clock." Wir sollen nun doch ein Transit-Visum bekommen. So bestellen wir für Dienstag um 9.30 Uhr unseren Taxifahrer Terefe mit seinem verbeulten Fiat. Doch wieder ist es eine Fahrt, die außer Kosten nichts gebracht hat. Denn Mister Sami, so der Name des in seinen Aussagen nicht zu präzisen Mitarbeiters, wollte uns erst am Mittwoch sehen, denn Dienstag ist kein Beantragungstag. Dass wir die Formulare bereits ausgefüllt haben und auch keine neuen mehr für das Transitvisum ausfüllen müssen, ist unerheblich. Wir regen uns schon gar nicht mehr auf und fahren zurück. Am Mittwoch tauchen wir zu um 10.00 Uhr erneut in der Botschaft auf. Man lässt uns warten. Dann sammelt man unserer Pässe ein und wir werden um Geld gebeten. So weit waren wir noch nie. Aber leider ist einer der beiden 100-US-Dollar-Scheine älter als von 2000 und wird nicht akzeptiert. Also zurück, um einen neueren Schein zu holen. Der wird nun akzeptiert, wir bekommen Quittungen, das Rückgeld auch in Dollar, nur immer noch kein Visum. Die Pässe soll es erst um 14.00 Uhr geben. Wir fühlen uns ohne Ende schikaniert, aber sind leider immer noch nicht in der Position, den Aufstand zu proben. Dann müssten wir endgültig von Djibouti aus wegkommen und noch haben wir keine konkreten Angebote. Aber wir wagen es mal wieder, uns und GeU reisefertig zu machen, diesmal nicht umsonst. 14 Tage nach unserer Ankunft in Addis, 13 Tage nach dem erstmaligen Besuch in der Botschaft und beim neunten Besuch haben wir endlich ein Transitvisum für sieben Tage im Pass. Mit wedelndem Pass steigen wir ins Taxi und Terefe freut sich genau so riesig wie wir. Auch wenn er somit einen guten Kunden verliert. Für die Taxifahrten in die Botschaft haben wir umgerechnet um die 60 Euro ausgegeben. Erstmals haben wir auch für GeU eine Art Visum bekommen, jedenfalls nahm man uns neben den 61 US-Dollar pro Person noch 33 US-Dollar für das Fahrzeug ab, wofür wir einen Wisch mit den Angaben bekommen, die auch im Carnet stehen. Für den Sudan eine Einnahmequelle! Ansonsten können wir diese sudanesische Botschaft wahrlich nicht empfehlen, trotz der gegenteiligen Angaben im Lonely Planet. Den Berichten nach soll die Botschaft im tansanischen Dar es Salaam recht schnell sein.
Kaum im Hotel zurück, starten wir GeU. Wir haben genug Zeit verloren und wollen versuchen, wenigsten noch einen Teil Äthiopiens zu sehen.

19.10.2005

Addis Abeba
Äthiopien

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