Reisetagebuch

05.10. – 14.10.2005: Äthiopien, Addis Abeba

Die Hauptstadt Äthiopien ist eine in jeder Beziehung durchmischte Hauptstadt. Kontraste ohne Ende treffen aufeinander: arm und reich, altes und neues, modernes wie konservatives. Wir bewegen uns viel durch die Stadt, sowohl zu Fuß wie per Taxi, und haben viel zu entdecken. Leider sind wir etwas länger in Addis Abeba als geplant und machen häufiger den Weg zur sudanesischen Botschaft als gedacht. Diese Visa-Beschaffung entwickelt sich zum wahren Visa-Krimi und könnte eine Änderung der Reiseroute zur Folge haben.

Im Gegensatz zu vielen anderen Hauptstädten ist Addis Abeba sehr durchmischt. Einfache bis slumähnliche Behausungen liegen unmittelbar neben Botschaften, die recht ungewöhnlich über die ganze Stadt verteilt sind, und besseren Wohnhäusern. Große internationale Hotels in modernen Gebäuden liegen neben alten Palästen, die heute noch Sitz von Parlament und Regierung sind. Auch die kommunistische Ära des Landes ist im Stadtbild deutlich zu sehen: der Meskel Square, wo früher die Paraden stattfanden, das Revolutionsdenkmal mit russischem Stern und die sozialistische Plattenbauweise überall in der Stadt. Äthiopien war recht experimentierfreudig in seiner Geschichte und hat alles mal versucht: Kaiserreich, Kommunismus, nun Demokratie. Äthiopien ließ sich im Laufe der Geschichte mal von den Russen, mal von den Amerikanern unterstützen. Die Militärfahrzeuge zeugen davon. Es gibt sowohl alte Ural-Lkws wie auch neue Hummer-Jeeps.
Auch das Wetter ist zu dieser Jahreszeit durchwachsen: Addis Abeba liegt weit verteilt inmitten von Hügeln auf einer Höhe von gut 2.400 Metern. Wir haben ein fast europäisches Sommerklima. Wenn allerdings die Sonne scheint, „knallt“ sie doch heftiger als Zuhause. Aber viel Sonnenschein haben wir nicht. Hier ist noch Regenzeit, was uns mindestens einmal am Tag heftigen Regen und insgesamt viel bedeckten Himmel beschert. Die Straßen sind dann auch schnell mal überschwemmt und vor allem auf den kleinen Gassen entwickelt sich eine nette Matschpampe. So haben wir es mal wieder „frisch“. Nach drei tapferen Nächten habe ich das Fleece-Inlay wieder herausgeholt. Frieren kann ich nach unser Rückkehr ins winterliche Berlin noch genug. Aber auch Arthur gibt sich nach einigen Tagen geschlagen.
Der Straßenverkehr ist ähnlich durchmischt. Von der polierten Mercedes-Stretchlimousine, den weißen Geländewagen mit UN-Beschriftung, den vielen verbeulten Lada-Taxis und den überfüllten Minibussen ist alles dabei und sucht sich seinen Weg, denn mitunter stehen Schafe auf der Straße und Esel suchen im Schweinsgalopp mit ihrer Beladung das Weite. Der Besitzer folgt – ebenfalls recht zügig. An fast jeder Ecke ist ein kleiner Marktstand zu finden, der Tomaten, Zwiebeln, Bananen und Orangen verkauft. Aber auch für eine größere Vielfalt an Gemüse und Obst muss man nicht weit laufen. Schnell haben wir eine Gasse mit vielen Gemüseständen in unmittelbarer Nähe entdeckt. Die Marktfrau kann zwar kein Englisch und ich kein Ambarisch, aber wir verstehen uns. Für den Einheitspreis von einem Birr (ca. 10 Cent) bekomme ich je 15 Tomaten, 10 Kartoffeln, 3 Rote Beete und 5 Möhren. Bananen gibt es kiloweise, für 2,25 Birr (ca. 22,50 Cent). Etwas mehr Vielfalt gibt es auf dem riesigen Merkato, über den wir einige Stunden bummeln. Beim Gemüsekauf bekommen wir noch frische Kräuter wie Rosmarin, Petersilie, Koriander und Sellerie geschenkt. Auch sonst begeistert uns die Vielfalt des Marktes und das Gewusel. Oft kann man nicht erkennen, wer Käufer und wer Verkäufer ist. Laut Lonely Planet gibt es von der Kalaschnikow an alles auf diesem Markt. Ob es die wirklich gibt, erkunden wir nicht. Bei den Gewürzen fangen wir schnell an zu niesen. Aber wir hatten unsere Nasen auch dicht an die große Säcke mit den bunten Pulvern und getrockneten Kräutern gehalten.
In den Ausläufern des Marktes, angeblich der größte in Afrika, lösten wir auch schon direkt am ersten Tag unser Reifenproblem. Zunächst hatten wir bei einem kleinen Reifenhändler nach neuen Reifen für die Vorderachse gefragt. Die Preisvorstellungen passten nicht in unser bereits strapaziertes Budget. So fuhr uns unser Taxifahrer zum Markt, dolmetschte kräftig und nach zwei Stunden folgte uns ein Pickup mit zwei gebrauchten Reifen und Felgen zurück zu GeU, wo zum Test sofort der erste Reifen gewechselt wurde. Man wollte uns erst Geld abnehmen, als sicher war, dass die neue Felge und der neue Reifen passen. Sie passen, aber GeU sieht jetzt etwas schmalbrüstig aus. Nach 37.000 Kilometern on Tour hat er etwas „abgespeckt“.
Da auch die Visa-Beschaffung in Addis nicht ohne Wartezeit abgeht, haben wir viel Zeit. Die kann man einerseits hervorragend in den zahlreichen Museen, andererseits aber auch mit Lesen und Faulenzen verbringen. Im Nationalmuseum besuchen wir Luzy, die Großtante der Menschheit, die ca. vor 3,5 Millionen hier gelebt hat. Sie war zwar nur 1,10 Meter groß, ging aber schon aufrecht, hatte keinen Schwanz und nur noch teilweise Fell. Auch sonst ist das Museum durch eine Sonderausstellung zum ostafrikanischen Graben interessant. Besonderen Gefallen finden wir an der Ausstellung über „head rests“, Holzstützen statt Kopfkissen, um den Kopf abzulegen. Diese gibt es auch im Ethnologischen Museum, wo wir eine Menge über die verschiedenen Ethnien Äthiopiens lernen. Außerdem besichtigen wir das Schlafzimmer und das Badezimmer des letzten Kaiser von Äthiopien. Seine letzte Ruhestätte finden wir in der Dreifaltigkeitskirche, die nach seinen Vorstellungen in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut worden ist. So heißt die Kirche nach ihm, Haile Selassie, was Dreifaltigkeit bedeutet. Einen Eindruck von der Entwicklung der Stadt Addis Abeba, mit 120 Jahren recht jung, bekommen wir im Stadtmuseum. Besonders gut gefällt uns das Foto, wo ein Pferd in einer, übrigens von einem Deutschen gegründeten, Apotheke steht.
So viel Kultur will verarbeitet werden. Aber auch der Visa-Botschaft-Bürokratie-Frust ist ein guter Anlass, um in eins der vielen kleinen Cafes zu gehen, die einen mit dem Duft von frischem Kaffee anlocken. Vom Kuchen sind wir ebenfalls begeistert und schlagen kräftig zu. So viele Kalorien sind selten so günstig und so lecker wie hier zu haben. In den Cafes ist ein bunter Mix an Menschen zu sehen. Männer, nur Frauen, aber auch Paare, die Körperkontakt zeigen, sind zu sehen. Die Bekleidung: von der engen Blue Jeans bis zur vollen Verschleierung ist alles und ausreichend oft in der Stadt zu sehen. Äthiopien scheint als Land mit ca. 45-prozentigen Anteil von Christen und 35-prozentigen von Moslems recht liberal zu sein. Unser Hotel „Bel Air“ dient vor allem als Stundenhotel, aber mehr für Paare, die mal ihre Ruhe haben wollen. Vor allem am Samstag Abend sind alle Zimmer belegt. Uns und andere Overlanders stört das nicht. Wir sind inzwischen nicht mehr die einzigen europäischen Overlanders. Hier treffen wir Andre und Catherine aus Frankreich, die mit einem riesigen MAN-Lkw unterwegs sind, gegen den GeU geradezu zwergenhaft aussieht. Die Kabine ist für sie und ihre beiden Kinder ausgebaut und mit allem Komfort und Nützlichkeiten ausgestattet, aber sie sind auch schon zweieinhalb Jahre unterwegs. Aber wir fühlen uns weiterhin wohl in GeU und sind immer noch zufrieden mit ihm, trotz seiner gelegentlichen Attacken. Schonen tun wir unser Ungetüm wahrlich nicht auf dieser Tour. Und selbst wenn wir ihn mal einige Tage wie in Addis Abeba stehen haben, gefällt GeU das auch nicht. Wir bemerken seinen Unwillen deutlich am Hüsteln und Räuchern, wenn er zwischendurch mal gestartet wird.
Aber unser erstes Anliegen in Addis war die Beschaffung des Sudan-Visums. Auch das letzte (so dachten wir) Visum unser Tour hat noch Besonderheiten zu bieten. Zunächst ist ein Empfehlungsschreiben der Deutschen Botschaft notwendig. Da diese in der Nähe unseres Hotels liegt, führt uns unser Weg zunächst dorthin. Für 220 Birr (ca. 22,00 Euro) bekommen wir ein Schreiben, das eigentlich nichts aussagt, was nicht auch im Pass steht. Aber sehr höflich bittet die Deutsche Botschaft ihre sudanesischen Kollegen, unserem Anliegen nach Ersuchen eines Visums nachzukommen. Damit geht es dann in die sudanesische Botschaft, leider am anderen Ende der Stadt. Dass wir das Empfehlungsschreiben direkt dabei, überrascht die Sudanesen. Schneller bekommen wir unser Visum aber deswegen nicht, auch wenn wir kurze Zeit geglaubt (oder mehr gehofft) hatten, das Visum direkt zu bekommen. Aber leider wird der Antrag in die Hauptstadt Khartum gesandt und das kann dauern. Auch der Fragebogen enthielt eine Neuigkeit für uns. Man fragte nach unser Blutgruppe, was bestimmt auch für unsere Sicherheit notwendig ist. Dann heißt es: Montag oder Dienstag nachfragen. Am Montag war noch nichts da. Am Dienstag haben wir zweimal angerufen und werden für Mittwoch mit den Pässen wieder in die Botschaft gebeten. Der erste Besuch am Mittwoch ist schnell absolviert. Es gibt keine Antwort aus Khartum. So langsam fangen wir an, die Gerüchte zu glauben, nach denen man bis zu zwei Monaten auf das Sudan-Visum warten muss. So fragen wir, ob uns ein Transitvisum schneller weiterbringt. Der Mitarbeiter will dies mit dem Konsul klären. Wir sollen am Nachmittag wieder kommen. Also fahren wir erneut dahin. Immerhin nimmt sich jener Mitarbeiter, der uns am Vormittag recht unfreundlich abgewiesen hat, Zeit, uns Antworten zu geben. Ohne eine Antwort aus Khartum ist nichts zu machen, nachfragen könnten sie nicht und es ist völlig unklar, wann eine Antwort kommt. Ein Transitvisum ist nur möglich, wenn im Pass bereits das Visum für das folgende Land drin sei. Das ist in diesem Fall Ägypten, für das wir als Deutsche vorab eigentlich kein Visum brauchen. Das interessiert ihn oder das angebliche internationale Recht nicht. Aber wenn wir mit dem ägyptischen Visum im Pass wiederkommen, könnte es das Transitvisum in einem Tag geben. Also geht es zur ägyptischen Botschaft, natürlich wieder am anderen Ende der Stadt, ca. eine halbe Stunde Fußmarsch vom Hotel entfernt. Am Nachmittag werden wir erwartungsgemäß nichts mehr, sollen mit Pass, einem Foto und erfreulicherweise lokalen Birr am nächsten Morgen wiederkommen. Wir zeigen unsere Unterlagen vor und Arthur bekommt bei der Frage „Do you have a receipt? fast einen Koller. Es wird die Quittung für den Umtausch unserer Birr verlangt, noch eine absolute Neuigkeit für uns. Leider findet sich im Brustbeutel nur der Kreditkartenbeleg, der von der Privatbank im Hotel Sheraton nur in US-Dollar belastet worden ist. Die gesonderte Umtauschquittung liegt im Wohnmobil. Total gefrustet, dass zur Zeit aber auch rein gar nichts auf Anhieb funktioniert, laufen wir zurück und sind dann bei unserem zweiten Auftritt lieber mal sehr nett und höflich zu der guten Dame. Da sie kein Wechselgeld hat, erlässt sich uns sogar 3 Birr, so dass wir statt 135 Birr pro Person (ca. 13,50 Euro) nur 132,50 Birr zahlen. Aber vor dem nächsten Nachmittag bekommen wir den Pass nicht zurück. So hängen wir seit acht Tagen in Addis und sind nicht wirklich weiter. Aber ein Telefonanruf bei den Sudanesen klärt zumindest, dass wir angeblich am Freitag noch nach 14.00 Uhr in die sudanesische Botschaft kommen können. Wir bestellen unser Standardtaxi für Freitag frühen Nachmittag und sind recht guter Dinge, nun alles gelöst zu kriegen. GeU ist betankt und startklar, nur ich fühle eine Unruhe.
Bei den Ägyptern liegen unsere Pässe bereits fertig am Empfang. Schnellsten Weges geht es zu den sudanesischen Kollegen. Man hatte uns schon am Vormittag erwartet, Arthurs telefonische Nachricht war nicht an den zuständigen Mitarbeiter weitergegeben worden. Er nimmt unsere Pässe und will anscheinend loslegen, ein Transitvisum einzustempeln. Doch dann fragt er nach unseren Formularen und wir erklären, diese hätten wir letzten Donnerstag ausgefüllt. Im Nachhinein haben wir damit einen großen Fehler begangen. Denn nun fällt ihm auf, dass wir bereits ein Tourismus-Visum beantragt haben. So lange dieses Verfahren in Khartum liefe, könne man kein Transitvisum ausstellen. Warum er uns zwei Tage zuvor etwas anderes erklärt hat, müssen wir nicht verstehen. So ist es eigentlich auch unerheblich, dass ein Transit nur noch für zwei Tage ausgestellt wird, was bei einer Transitstrecke von ca. 1.500 Kilometern etwas knapp bemessen ist. Zwei Tage zuvor waren es noch sieben. So können wir nur hoffen, dass die Antwort aus Khartum bald kommt. Er bestätigt uns noch einmal, dass alles zwischen einem Tag und einem Monat möglich und von der Botschaft aus nicht zu beeinflussen sei. Unser Frust ist riesig und wir müssen uns nun ernsthaft über Alternativen Gedanken machen.
Schon Tage zuvor hatten wir angefangen, unsere Fühler nach Schiffsverbindungen von Djibouti über das Rote Meer nach Ägypten, Israel oder Jordanien auszustrecken. Denn auf dem Landweg ist Sudan nicht zu entgehen und GeU kann leider immer noch nicht fliegen oder schwimmen. Gefrustet kehren wir zu GeU zurück, der, ob es ihm gefällt oder nicht, noch einige Tage in Addis stehen wird.

14.10.2005

Addis Abeba
Äthiopien

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