Reisetagebuch

26.09. – 30.09.2005: Kenia, Nairobi

In Nairobi müssen wir uns mal wieder um ein Visum kümmern. Wir würden ja aus der Übung kommen. Auch diesmal geht das nicht ohne „Story“ ab. Außerdem wollen wir in einem der berühmtesten Restaurants Nairobis Fleisch satt essen und erfahren noch eine Menge über die aktuelle Situation in Kenia.

Um keine Zeit zu verlieren, tapern wir am Dienstag früh zur äthiopischen Botschaft und treffen zielsicher einen Feiertag – in Äthiopien. So können wir uns nur anhand der Aushänge im Schaukasten über die Anforderungen zur Erteilung eines Visums informieren und tauchen frohen Mutes am nächsten Morgen wieder auf. Auch in der Botschaft wirkt alles erstaunlich professionell. Es gibt einen Ständer mit den diversen Formularen. Auch das Formular für das Visum hat keine völlig abwegigen Fragen. Wir freuen uns sogar noch darüber, dass man auch „Truck“ ankreuzen kann. Das ist dann aber das vorläufige K.o., denn nun werden Kopien vom Carnet und vom Internationalen Führerschein verlangt. Beides haben wir nicht dabei. Wir sind zu Fuß zur nahen Botschaft gelaufen und wollten in Nairobi, auch Nairobbery genannt, so wenig wie möglich bei uns haben. Also zurück zum Campingplatz. Wieder in der Botschaft, nun wegen Zeit und Wärme mit dem Taxi unterwegs, will man auch noch eine Unterkunft für Addis Abeba haben. Da wir den Reiseführer nicht mit haben, werden wir kreativ und erfinden die „Addis City Camp Site“. Alles wird für gut befunden. Wir zahlen 1.660 kenianische Schillinge pro Person (wahlweise wäre eine Bezahlung mit 20 US-Dollar möglich gewesen). Das äthiopische Visum ist somit das erste, welches deutlich günstiger ist, als wie die Reiseführer schreiben. Äthiopien setzt auf den Tourismus und verlangt nur von US-Amerikanern 70 US-Dollar. Wir hätten zwar noch am selben Tag das Visum abholen können, aber ich tauche erst am nächsten Morgen alleine auf und muss mich in Geduld üben. Man will uns unsere Pässe erst geben, wenn ich eine volle Adresse und eine Telefonnummer für die Campsite nenne. So erzähle ich der guten Dame eine lange Geschichte und sie telefoniert dreimal mit ihrem Chef. Zunächst erkläre ich, dass wir nur eine GPS-Position haben und eine Adresse völlig unwichtig für uns ist. Da sie nicht weiß, was ein GPS-Gerät und eine GPS-Position ist, erkläre ich es ihr. Sie ist beeindruckt, lässt aber noch nicht locker. Also hole ich noch weiter aus: Wir reisen nun seit neun Monaten durch Afrika (stimmt), lesen viele Reiseberichte von anderen Overlanders (stimmt auch), finden dort jede Menge Tipps für Unterkünfte (nicht völlig falsch) und hätten so von Freunden (die es gar nicht gibt) die Campsite mit GPS-Position in Addis bekommen (kompletter Blödsinn). So kommt sie auf die Idee, ich könnte die Freunde anrufen. Ich erkläre, dass diese zur Zeit in Ägypten unterwegs (Erfindungen reisen selten durch die Lande), nur per E-Mail erreichbar wären und ich nicht wusste, ob die die Telefonnummer der Campsite haben (die bekanntlich für Overlanders völlig irrelevant sind). Das könnte Tage dauern, bis sie antworten (theoretisch richtig, wenn es sie gäbe) und bringt am Ende kein Ergebnis (richtig, weil es die Campsite nicht gibt). So kommt sie auf die Idee uns später, wenn wir in Addis sind, anzurufen. Wir immer weiß ich unsere Nummer für das Satellitentelefon nicht (stimmt wirklich) und sie gibt mir ihre Nummer, damit wir sie anrufen. Der Zettel landet umgehend in der Tonne (wo auch sonst?), schließlich haben wir jetzt unsere Pässe mit Visa. Außerdem bekommen wir die Kopien von Carnet und vom Führerschein gestempelt wieder und sollen die unbedingt an der Grenze vorzeigen, aber nicht abgeben. Was für ein Akt! Wie gut, dass wir nur noch ein Visum auf der Tour beschaffen müssen.
Zum Glück hatten wir uns schon am Vortag mit viel Fleisch gestärkt, um uns durch die Wirren der äthiopischen Botschaft zu kämpfen. Das „Carnivore“, lateinisch für Fleischesser, ist berühmt für sein gegrilltes Fleisch von einem riesigen Holzkohlegrill. Die Kellner kommen mit riesigen Spießen an die Tische und man kann so viel essen, wie man möchte. Bei unserem ersten Besuch zum Abschluss unserer Kenia-Tansania-Reise vor zweieinhalb Jahren hatten wir den Fehler begangen, uns direkt mit Suppe, Brötchen, und Kartoffeln voll zu stopfen. Diesmal gehen wir strategisch an die Sache heran, packen die Brötchen mangels Brot fürs Frühstück ein, essen verhalten von der Kartoffel und nehmen nur die Suppe zu uns. So schaffen wir jede Menge Fleisch. Nur gibt es diesmal wenig Exotisches. Neben dem Standard-Fleisch wie Huhn, Schwein, Rind und Lamm reizen uns vor allem die Wildtiere Afrikas. Aber die Lieferanten des „Carnivore“ haben Probleme, Konzessionen zum Abschießen von Antilopen und Zebras zu bekommen. So gibt es diesmal nur Krokodil, Kamel und Strauß. Die beiden ersteren sind nicht ganz unser Fall, der Strauß mundet uns wie immer gut. Sehr satt fahren wir mit dem Taxi zurück und wundern uns ein zweites Mal über das Tankverhalten des Fahrers. Es wird für 100 kenianische Schillinge (1,20 Euro) getankt, was 1,3 Liter gibt – gerade mal genug um zur Campsite zu kommen. Der Grund: die Fahrer müssen für den Sprit selbst aufkommen und wer weiß, was die Schicht noch an Kunden bringt.
Sonst verbringen wir die Zeit in Nairobi überwiegend auf dem Campingplatz und im Internetcafe. Als wir alles erledigt haben, treffen wir uns mit Annette und ziehen für eine Nacht in ihren Garten in Karen, jenem Vorort Nairobis, wo Karen Blixen gelebt und ihr Buch „Jenseits von Afrika“ geschrieben hat. Annette ist Kenianerin mit europäischer Abstammung und hatte im Februar 2003 unsere vollorganisierte Reise nach Kenia und Tansania vor Ort organisiert. Unter anderem durch meinen damals verfassten Reisebericht, der auf ihrer Homepage unter www.kwakilahalisafaris.com zu finden ist, war der Kontakt nicht abgerissen. Sie verfolgt mit Interesse unsere Afrikareise und als wir in die Nähe Kenias kamen, kam die Einladung, im Garten zu campieren. Wir verbringen einen sehr netten Abend mit viel Wein und leckerem italienischen Aufschnitt und erfahren eine Menge über Kenia. Vor zweieinhalb Jahren war Annette ausgesprochen positiv, was die Entwicklung des Landes anging. Nach über 20 Jahren war ein neuer Präsident gewählt worden, Kenia schaute nach vorne und vor allem der Korruption im Land wollte man an den Kragen. Nun hört sich alles schon nicht mehr so gut an. Die Korruption der Polizei ist zwar dank besserer Bezahlung zurückgegangen, aber die der Regierung nicht, weil eigentlich nur der Präsident ausgetauscht worden ist. Das staatliche Schulsystem ist immer noch schlecht, die Abschlüsse werden nirgends anerkannt und die Gewaltkriminalität nimmt ständig zu. Ihre Freundin war vor zwei Monate angeschossen worden, als ihr das Auto gewaltsam abgenommen werden sollte. Mit sehr viel Glück hat es nur ihren Arm getroffen.
So sind wir froh, dass wir in GeU etwas höher sitzen und dass unser Ungetüm nicht wie das normale Auto von Weißen aussieht. Was das Hijacking angeht, kommen wir gut aus Nairobi heraus, obwohl wir etwas vom Weg abkommen und durch sehr einfache Wohngebiete kommen. Wir haben nur etwas Probleme, einen Kreisverkehr zu passieren und sind mehr als froh, eine Sahara-Stoßstange zu haben. Ein Pickup-Fahrer kommt plötzlich auf die Idee, von der innersten Spur kommend den Kreisverkehr zu verlassen. Nur ist ihm GeU im Weg und es rumst gewaltig. Uns und GeU ist nichts passiert. Beim anderen Wagen sieht es anders aus, da er so richtig in unsere Stoßstange hineingefahren und seine Seitenwand aufgerissen ist. Trotzdem besteht er auf die Einschaltung der Polizei. Die aber sieht die Schuldfrage - genau wie wir - als sehr eindeutig an. Auch in Kenia kann nicht jeder fahren wie er will, auch wenn der tägliche Wahnsinn meistens anders aussieht. Nach der korrekten Aufnahme einiger Daten können wir die Polizeistation unbehelligt verlassen, während unser Unfallgegner noch zur Kasse gebeten wird.

30.09.2005

Nairobi
Kenia

[ zurück ]