Mit GeU durch Libyen

Gut drei Jahre nach unserer Rückkehr aus Afrika kehren wir mit unserem GeU nach Afrika zurück. Per Fähre geht es im März 2009 von Genua nach Tunis. Es folgen gute 500 Kilometer bis zur Einreise nach Libyen. Statt einem Reisetagebuch folgt an dieser Stelle eine Zusammenfassung unserer Reise.

GeU-Libyen-01Libyen gilt trotz Führerpflicht als Paradies für Allradler, die die Herausforderungen des Offroadfahrens mit viel Sand oder auf steinigen Pisten für sich und ihr Fahrzeug suchen. So steht die Einsamkeit der Wüste fernab der Asphaltstraßen auch auf unserem Routenplan für unseren vierwöchigen Urlaub. Nach unseren bisherigen Afrikaerfahrungen sind wir zuversichtlich, die Herausforderungen der Wüstennavigation zu meistern. Diesmal fahren wir nicht alleine. Insgesamt sind wir fünf Personen in zwei IFA L 60. Unserem Gelben Ungetüm folgt Arne mit seinem weißen IFA.

Nalut, Ghadames, Mandara-Seen, Akakus-Gebirge, Wadi Mathendous und am Ende Leptis Magna und Sabrata – das sind die Klassiker einer Libyenreise und sollen auch bei unserer Tour nicht fehlen. Nach dem unkomplizierten Grenzübertritt und der Aufnahme unseres Führers Ali, der uns die nächsten drei Wochen begleiten wird, geht es auf der Küstenstraße Richtung nach Tripolis. Sie ist stark befahren. Aber kaum haben wir diese verlassen, wird es „wüstig“ und einsam. 90 Prozent des Landes sind geografisch Wüste. Die meisten der 5,8 Millionen Einwohner leben küstennah. Danach gibt es nur noch wenige Orte.

Das erste Ziel ist der Ort Nalut dicht an der Grenze zu Tunesien gelegen. Die Auffahrt auf das Hochplateau unmittelbar vor dem Ort ist spektakulär. Die alte Berberstadt mit rund 11.000 Einwohnern ist aufgrund ihrer Altstadt sehenswert. Dort gibt es guterhaltene Vorratsgewölbe aus dem 7. Jahrhundert, die sich über mehrere Stockwerke in die Höhe ziehen.

Von Nalut geht es weiter nach Ghadames, auch dieser Ort liegt direkt an der Grenze, allerdings an der zu Algerien. Die Stadt war viele Jahrhunderte eine wichtige Drehscheibe im Karawanenhandel in der Sahara. Die inzwischen nicht mehr bewohnte Altstadt gehört mit ihren kühlen, dunklen und bedachten Gassen und schattigen Versammlungsplätzen seit 1986 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Altstadt wird offiziell nicht mehr bewohnt. Am Ortsrand gibt es nun moderne Wohnanlage, aber angeblich kehren viele ehemalige Bewohner in den heißen Sommermonate zurück in die Altstadt.

Wir wollen nicht nur Asphalt fahren und finden Gefallen an der Route „A6“ im Libyen-Handbuch des Reise Know-How-Verlags (7. Auflage 2007). Dahinter verbergen sich gute 500 Kilometer Pisten- und Geländestrecke, drei bis vier Tage werden veranschlagt und zur Orientierung gibt es diverse GPS-Positionen. Der Reiseführer berichtet noch von einer gesonderten Führerpflicht für diese Strecke, doch wir haben unseren Führer seit der Grenze dabei und auch der hat mit der geplanten Strecke keine Probleme, wenn er sie auch nicht kennt.

Unsere beiden IFA L 60 sind bestens mit Wasser, Diesel und Proviant gefüllt und die Besatzungen nach einer Nacht am Mzezem-See kurz vor Ghadames bestens auf „Wüste“ eingestellt. Der Mzezem-See hatte uns wieder einmal aufs Neue von der Faszination Wüste eingenommen, die noch gesteigert werden kann, wenn Wüste in Kombination mit Wasser auftritt. Gute 30 Kilometer vor Ghadames hatten wir am Tag zuvor die Asphaltstraße verlassen und waren unterstützt durch das Navigationsgerät zehn Kilometer einer Piste gefolgt. Am Ende sollte der See von Mzezem sein, angeblich bis zu 55 Meter tief. Es war trocken, staubig und Wasser konnten wir uns gar nicht vorstellen. Doch dann sahen wir eine geringfügige Erhebung. Hier wachsen Büsche und wir schauten auf blaues Wasser. Wir genossen zunächst das durchaus kalte Wasser des Sees und danach das Abendessen bei Lagerfeuer und Vollmond am Seeufer. Von solchen Abenden wollten wir mehr haben und begeben uns nach der Stadtbesichtigung von Ghadames auf die Piste „A6“, die uns in circa vier Tagen nach Ghat bzw. nach Al Awaynat, wo die Pistenroute auf die Teerstraße trifft, bringen soll. Auf dieser Strecke durchquert man das Sanddünengebiet Idhan Awbari.

Zunächst folgen wir einer Piste, die deutlich erkennbar ist und auch ein gutes Tempo erlaubt. Als sie uns zu deutlich gen algerischer Grenze wendet, folgen wir lieber dem Richtungspfeil aus dem Navi. Wie schon während unserer einjährigen Afrikatour überkommt uns das Gefühl von Freiheit. Wir fahren „quer Feld ein“ und sehen keine anderen Fahrzeuge, nur reichlich Spuren, die meisten laufen quer zu unserer Fahrtrichtung. Die Geschwindigkeit schwankt, je nach dem wie der Boden beschaffen ist. Es ist abwechslungsreich und kurzweilig. Zum Nachmittag führt uns der Track in ein enger werdendes Wadi. Ob wir hier wieder herauskommen? Ja! Es muss aber eine recht steile Piste mit vielen Steinen herausgefahren werden. Auf einer Hochebene übernachten wir und fahren am nächsten Morgen zügig mit bis zu 60 Stundenkilometern weiter Richtung Süden. Nur wenn wir Wadis (ausgetrocknete Flussbetten) durchqueren, wird es „schaukelig“ im Auto. Zum Nachmittag sichten wir dann nach einer eher felsigen und kargen Landschaft die ersten Sanddünen. Auch unter den Reifen wird es sandiger. Überwiegend ist der Sand zwar verharscht, aber eben nicht überall. Wir können den zweiten IFA gerade noch warnen, müssen selbst aber kurz buddeln und die Sandbleche zur Hilfe nehmen. Kurz darauf finden wir eine Traumposition direkt an einer Düne für die Nacht. Wir bereiten unsere LKW auf das nun sandige Stück der Piste vor: der Reifendruck wird deutlich reduziert und genießen dann auf dem Dünenkamm sitzend den Sonnenuntergang mit Blick auf das Dünenmeer des Idwan Awbari. über dieses soll es am Tag drauf hinweg gehen.

Der nächste Tag startet gar nicht gut. Kaum sind wir los gefahren erfolgt ein Notstopp. Unser hintere rechte Reifen ist platt. Vermutlich war zu wenig Luft im Reifen verblieben. Sandfahren hatten wir zwar während unserer Afrikareise ausreichend geübt, aber mittlerweile hat GeU neue, insgesamt härtere Reifen und Arthur muss testen, wie viel Reifendruck im Sand richtig ist.

Nach dem Reifenwechsel suchen wir nun den Einstieg über die Düne. Die nächste GPS-Position ist nur noch drei Kilometer entfernt – doch dazwischen viel Sand. Wir wissen nicht nur aus dem Reiseführer, dass man hier die Dünen bezwingen kann. Freunde sind ein halbes Jahr zuvor mit einem IFA unterwegs gewesen. Als wir ihren Track zusammen mit ihren Erlebnissen bekommen hatten, waren wir erstaunt, dass die Gruppe drei Tage an dieser Stelle herumgeirrt war. Auch sie hatten den Einstieg mühselig gesucht, aber gefunden! Nun irren auch wir hier herum und fahren immer wieder vorsichtig an die Dünen heran. Mittlerweile navigieren wir zusätzlich mit Laptop, um auf einen Track der Freunde zu kommen. Wir sind glücklich, als wir drauf sind, nur kommen wir trotzdem nicht die Düne hinweg. In den letzten Monaten muss es hier Bewegungen gegeben haben. Wir kurven fast einen Tag am Fuß der Dünen entlang, steigen auch immer mal wieder aus und erkunden zu Fuß die Gegend. Was tun? Die Anspannung in der Gruppe wächst, ebenso die Sorge, dass sich irgendwann einmal ein Rückweg nicht mehr so einfach erschließen lässt. So kann es so richtig keiner genießen, dass wir mit unseren beiden LKWs über Sand durch große Sanddünen fahren, wenn auch nicht über den noch höheren Kamm hinweg kommen. Erstaunlicherweise fahren wir uns an diesem Tag nicht fest! Aber wir merken trotzdem deutlich unsere Grenzen. Unsere neuen Reifen graben schneller. Vor großen Schaufelaktionen ist uns etwas bange. Arthur hat nach dem Reifenwechsel wieder Schmerzen im Kreuz und auch der Rest der Gruppe hat körperliche Wehwehchen, um richtig im Sand spielen zu können.

Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, am Nachmittag müssen wir uns geschlagen geben. Es gibt für uns auf dieser Tour keinen Weg über diese Dünen. Es bleibt nur der Rückweg auf der bisher gefahrenen Piste. Die Stimmung ist gedrückt und dann fängt es mitten in der Wüste noch anzuregnen.

Zum Glück müssen wir nicht ganz bis Ghadames zurück. Zudem erleben wir die Tour rückwärts nochmals als landschaftlich sehr reizvoll. Wir passieren eine Pipelinepiste und erreichen auf dieser zügig Darj. Hier flicken wir jede Menge Reifen. Denn mittlerweile haben wir mal wieder eine wahre Reifenpechsträhne – uns aus Afrika auch bekannt, nur sind es inzwischen neue. Bei einem Reifen war das Ventil verrutscht, so dass nur noch durch Zerstechen des Schlauches eine Reparatur möglich war. Ein weiterer Platten war entstanden, weil wohl eine Stelle am Ventil mürbe war.

Von Darj nehmen wir die Piste „A8“ aus dem Reiseführer nach Idri in Angriff. Mit der Piste an sich haben wir keine Probleme, auch wenn wir uns über manche Beschreibungen im Reiseführer wundern. Sie wird einerseits Sahara-Neulingen empfohlen, später werden Stellen beschrieben, wo die Reisenden gehörig ins Schwitzen kommen könnten. Wir empfinden die Strecke zwar als ausgesprochen holprig, sind etwas davon genervt und froh, als wir nach zwei Tagen in Idri ankommen. Beeindruckend war das stundenlange Unwetter in der Nacht mitten in der Wüste mit viel Regen und Sturm.

Ab Idri bleiben wir auf Teer. Wir haben zwar einige Tage verloren und wollen aber immer noch den Akakus erreichen. Über Sebha erreichen wir Germa und müssen hier erneut umdisponieren. Arthurs Rückenprobleme sind inzwischen so, dass wir einen neuen Bandscheibenvorfall nicht ausschließen können. Mehrfach suchen wir ärztliche Hilfe und verzichten auf die Weiterreise. Wir legen eine Zwangspause auf einem Campingplatz am Südende des Dünengebietes Um al Maa ein, in dem die Mandara-Seen liegen.

Statt mit dem unserem GeU erleben wir die Seen mit einem gemieteten Jeep samt Fahrer und sind auch so vom puren feinen weißen Sand begeistert. Nachdem wir etliche Kilometer mit einem geländefähigen Wagen durch die Dünen gefahren sind, mögen wir unseren Augen kaum trauen: das blaue Wasser der Seen mit den begrünten Ufern inmitten des weiß-gelben Sandes. Die genaue Anzahl der Seen ist bis heute unbekannt. Gespeist werden die Seen durch heiße Quellen. Die oberen Wasserschichten sind daher um einiges kälter als die unteren. Es kommt immer wieder vor, dass einige Seen austrocknen, wie der inzwischen ausgetrocknete Mandara-See. Wir machen eine Rundtour über den Maflu-See, den Gabroon-See und den Um el Ma-See, der ohne menschliche Bebauung am Rande am ursprünglichsten wirkt und die größte Ruhe bietet. Unterwegs sind wir im Mandara-Seen-Gebiet mit einem Toyota-Landcruiser 4,5 l 24 V mit 275er Bereifung und Automatik, den wir samt Fahrer am Campingplatz gemietet haben. Wir sind erstaunt, was mit diesem Auto im Sand möglich ist: fast kein Abdruck im Sand; Anfahren selbst im Hang; extreme Steigungen. Er bietet eine fast vollständige Freiheit beim Fahren einfach quer durch die Dünen und bewältigt auch ohne jegliche Probleme den laut Reiseführer „schwierigen“ Einstieg in die Dünen am Campingplatz.

Nach einem weiteren Pausentag kehren wir Richtung Norden um und absolvieren die restliche Strecke wie geplant. Wir wollen zurück an die Küste und die alten römischen Städte Leptis Magna und Sabrata besichtigen. Auch schon auf dem Weg zur Küste schauen wir fernab der Teerstraße die ersten römischen Ruinen in Ghirza. Mitten in der Wüste wirken die Gräber und Wehrhöfe aus dem 3. bis 6. Jahrhundert, die unterschiedlich gut erhalten sind, sehr beeindruckend.

Noch beeindruckender ist natürlich Leptis Magna, einst mit um die 100.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des römischen Reiches und ein wichtiges Handelszentrum. Nach dem Niedergang der Stadt im dritten Jahrhundert zerfiel der Ort und ist mittlerweile in Teilen wieder ausgegraben und aufgebaut, so dass man einen Eindruck von der Bedeutung und dem Wohlstadt dieser Stadt bekommt. Besonders das Neue Forum, die Basilika, das Theater und der Triumphbogen sind sehenswert.

Letzte Etappe auf der Libyen-Rundtour ist Sabrata. Der römische Kaiser Septimius Severus lies die Stadt während seiner Regentschaft ab 193 nach Christus ausschmücken. Ein Höhepunkt der römischen Architektur ist das Theater mit seinen drei Stockwerken. Auch Sabrata steht inzwischen unter dem UNESCO-Schutz.

Den letzten Abend in Libyen verbringen wir bei der Familie unseres Führers Ali. Er lädt immer seine Kunden zum Abschlussessen ein. Wir erleben einen netten Nachmittag und Abend in einer gut situierten libyschen Familie, die aber natürlich klassisch lebt. Die Männer fahren zwischendrin ins Hammam. Ich und unsere Freundin Bine verbleiben bei der Mutter und den Schwestern von Ali. Aber fast die gesamte Familie spricht gutes Englisch, so dass wir alle vieles über Land und Leute hören. Dazu gehört unter Frauen die Begutachtung der Hochzeitsalbum der Schwestern, die gut mit Goldketten behangen sind und noch stolzer die Babybäuche zeigen.

Am nächsten Tagen bringt uns Ali zur Grenze. So unproblematisch wie wir eingereist sind, reisen wir aus. Es folgen noch zwei Tage in Tunesien, dann rollt GeU auf die Fähre nach Genua. Weitere zwei Tage später sind wir wieder in Berlin.

Insgesamt war nicht ganz die Reise, die wir uns erhofft hatten. Schwierige Navigation und Routenabänderungen, Reifenprobleme und Rückenschmerzen sowie wieder einmal ein sehr begrenztes Zeitbudget haben vieles anders werden lassen. Aber das, war wir von der Wüstenlandschaft Libyens gesehen hat, macht Appetit auf mehr. Wir kommen wieder mit mehr Zeit, mehr Geduld, besser bekannten Reifen, heilen Rücken.