27.08.2017, Kosovo

23.08.2017 bis 27.08.2017, Kosovo, Kulla bis Elezit

Der Kosovo, Europas jüngstes und vermutlich ärmstes Land, stand ganz im Zeichen der drei Städte Peje, Prizren und Pristina, die zum Teil schon sehr orientalisch wirken. Übernachtet wurde u.a. im Flussbett, oberhalb von Weinreben und im Wald. Außerdem wurden wir herzlich von Familie Dobruna empfangen und erfuhren viel über Land und Leute.

Die Einreise ist keine große Sache. Nur müssen wir hier das erste und wohl einzige Mal auf der Tour eine Versicherung für GeU abschließen, sie kostet für zwei Wochen 15 Euro. Die Grüne Versicherungskarte ist im Kosovo nicht gültig. Aber es gibt ein Versicherungsbüro am Grenzübergang. Kaum zeigt Arthur die abgeschlossene Versicherung vor, gibt es die Papiere zurück. Ich bin mit dem Pass nach Kosovo eingereist, Arthur konnte seinen biometrischen Ausweis nutzen. Und dann geht es abwärts. Wir kommen letztlich von einer Passhöhe auf fast 1.800 Meter (lag noch in Montenegro) und fahren auf gut 600 Meter runter. Auf dieser Hochebene liegt der Kosovo und ist von hohen Bergen umzingelt. In dieser Ebene ist es recht dicht besiedelt und es wird Landwirtschaft betrieben. Auch ist es hier entsprechend warm.

An der Straße sammeln wir mal wieder Brombeeren. Die Versorgung mit unserer „geliebten Superfood“ bleibt gut, auch wenn etliche Büsche nur vertrocknete und nicht reife Früchte tragen.

Bei der Suche nach dem ersten Übernachtungsplatz, weitgehend am Ende einer Straße kurz vor den Bergen zehn Kilometer von Peje entfernt, kommen wir an von der EU finanzierten Flüchtlingshäusern vorbei, kleine kompakte Häuser.

Das erste Ziel ist Peje, eine Stadt mit 55.000 Einwohnern, die recht städtisch auf uns wirkt. Es gibt Unmengen von Geschäften, auch viele Bau- und Möbelgeschäfte. Herzstück der Stadt ist der Bazar, ursprünglich aus der osmanischen Zeit und mehrfach, zuletzt im Kosovo-Krieg Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts und dann bei den Unruhen im Jahr 2004 zerstört. Heute ist alles wieder gut hergerichtet. Es gibt ohne Ende Juweliershops und Boutiquen, auch für landestypische Trachten, alles nicht ganz unsere Welt, wenn wir auch in einer Boutique kurzerhand zwei Stoffhosen kaufen: eine als Ersatz für meine seit Dubrovnik verschwundene Treckinghose (auf die Wäscheleine ist sie noch gekommen, davon gibt es ein Foto, danach war sie nicht mehr gesehen!), eine für Arthur zum Tanzen in Berlin. Als Arthur die Frauenhose im Laden anprobiert, sorgt führt das zum Grinsen bei den Verkäuferinnen. Ansonsten gibt es viele Moscheen, hin und wieder hört man orientalische Musik und überall sitzen Menschen in den Cafés und Restaurants. Witzig finden wir das Restaurant „Meg Donald“, Burger gibt es zwar, sonst erinnert nichts an die amerikanische Kette. Ketten jeglicher Art sehen wir im Kosovo übrigens nicht, da gab es in allen anderen Balkan-Ländern schon mehr der auch uns gut bekannten Ketten. Da in beiden Reiseführern das Restaurant Kulla e Zenel Beut empfohlen wird, wollen wir dort essen. Mehrfach müssen wir fragen, aber das ist hier kein Problem, sofern wir nicht eh schon von sich aus auf Deutsch und Englisch angesprochen werden. Nur hatte ich zunächst nach Kulla gefragt, was so viel wie befestigtes Stadthaus bedeutet.

Das Kulla e Zenel Beut ist tatsächlich in einem alten Stadthaus untergebracht. Wir sitzen auf der Terrasse unter Kiwi-Bäumen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Zu essen gibt es endlich Forelle (wollten wir seit Mostar essen) und einen für den Kosovo typischen Auflauf mit Kalbfleisch und Gemüse in Sahnesauce. Als Vorspeisen gibt es ganz klassisch für das Land überbackenen Ziegenkäse (sonst oft auch mit Kuh- oder Schafskäse) mit Tomate sowie Pizzastückchen mit Knoblauchsauce. Dort aktualisieren wir unsere Internetseite, überwiegend von meinem Rechner aus. Der hatte eine ziemlich schnelle Internetverbindung mit dem Restaurant-WLAN, Arthurs Rechner hatte wohl keine Lust auf die Verbindung zur Welt …

Etwas außerhalb der Stadt Peje am Beginn der Rugova-Schlucht liegt das Patriarchatenkloster, eins der heiligsten Orte der serbisch-orthodoxen Kirche inmitten des überwiegend moslemischen geprägten Peje. Daher wird es bewacht von der KFOR, der Kosovo Force, einer multinationalen Nato-Truppe, die auch nach der Unabhängigkeit im Jahr 2008 im Land geblieben ist. Ursprünglich waren bis zu 50.000 Soldaten aus 40 Ländern im Einsatz, aktuell sind es noch 5.000, die im Land präsent sind. Schon in Peje hatten wir den ersten Radpanzer gesehen. Immer wieder kommen uns Fahrzeuge entgegen. Später in Prizren sehen wir einen KFOR-Standort mit deutscher Flagge. Erst im letzten Sommer hat der Deutsche Bundestag ein weiteres Kosovo-Mandat bewilligt.

Wir müssen unsere Ausweise zeigen und können dann das Kloster, das von gut über 20 Nonnen bewohnt wird, besuchen. Die vier Kirchen bzw. Kapellen sind aus dem 14. Jahrhundert und sind mit gut restaurierten Fresken versehen. Wie schon im Kloster Ostrog in Montenegro wurden kräftige Farben verwandt. So wirkt es schon beeindruckend, wenn uns auch die Details überfordern. Auf den Audioguide verzichten wir daher gleich, nicht zu viele Details dieser Art! Was wir mit Interesse aus dem Reiseführer entnehmen, ist die Tatsache, dass das Kloster erst seit 2009 in dunkelroter Farbe erscheint. In einer Nacht- und Nebelaktion hat Bischof Artemije dem Kloster mit seiner eigenen Baufirma (steht wirklich so im Reiseführer) den roten Anstrich verpasst und dabei auch Fresken übermalen lassen. Das serbische Kulturministerium verurteilte die Aktion.

Ein weiteres Highlight des Kosovos beginnt direkt am Kloster, die Rugovo-Schlucht. Sie gilt aufgrund ihrer Länge und Tiefe von 650 bis 1.000 Metern als die längste und tiefste Schlucht Europas. Spektakulär sind vor allem die ersten Kilometer aufgrund der vielen Tunnel und Überhänge. Arthur muss schon aufpassen, wo er auf der Straße fährt. Wo findet man dann hier einen Übernachtungsplatz? Im Flussbett der Bistrica! Wozu haben wir schließlich ein Allradfahrzeug. Also Allrad rein, durch den Fluss und da stehen wir weitgehend perfekt, wenn da nicht wie überall im Land so viel Müll um uns herum liegen würde. Das abendliche Waschen wird in den wirklich kalten Fluss verlegt, in der Nacht beruhigt uns das Plätschern des Wassers und auch am Morgen gebe ich mir noch mal Kältereizen, sogar zweimal. Denn die Abfahrt aus dem Flussbett filme ich und muss folglich zu Fuß durch das Wasser laufen!

Müll ist ein großes Problem in diesem Land. Es gibt kein System für die Entsorgung, daher liegt leider überall Müll herum. Die Menschen wissen schlicht und einfach nicht wohin damit. Wenn man Müllcontainer sieht, sind sie überfüllt. Wir können zum Glück einmal an einem von der KFOR bewachten Kloster Müll entsorgen, denn ich habe schon meine Probleme, unseren Müllsack einfach auf den großen Haufen neben einem überfüllten Container zu werfen. Trotzdem wird auch hier mit Plastiktüten „nur so um sich geworfen“. Es ist eine Herausforderung, beim Einkaufen nicht gleich mit fünf bis sechs Plastiktüten herauszukommen. Jede einzelne Gurke wird in eine Tüte getan. Halten tun die Tüten nicht lange. Trägt man wirklich mal eine etwas durch die Gegend, kann man zuschauen, wann sie kaputt geht.

Von Peje geht es weiter nach Prizren. Auf dem Weg liegt das nächste serbisch-orthodoxe Heiligtum, das Visoki Decani. Es ist eins der architektonisch bedeutungs- und eindrucksvollsten Bauten der serbischen Geschichte und das größte Kloster des Balkans. Seit 2004 ist es ein UNESCO-Weltkulturerbe und aufgrund der sensiblen Sicherheitslage auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes. Die KFOR-Sicherung ist deutlich heftiger als im Patriachatenkloster in Peje, wo wohl inzwischen die gut ausgebildete örtliche Polizei die Bewachung übernommen hat. Der Bau ist auch aus dem 14. Jahrhunderts und in einem mehr als „geleckten“ Zustand. Sehr beeindruckend! Aus Sicherheitsgründen dürfen wir nicht mit dem Fotoapparat fotografieren, das Smartphone ist aber erlaubt! Nachvollziehbar?!? Und da der Lonely Planet nicht nur das Kloster als Highlight nennt, sondern auch den Käse- und Weinkauf empfiehlt, tun wir das natürlich auch. Honig und Apfelbrand gibt es noch dazu.

Am Nachmittag erreichen wir Prizren, die zweitgrößte Stadt des Kosovos. Die Parkplatzsuche ist nicht ganz einfach, aber auch kein Drama. Wir laufen einmal durch die Stadt mit den 77 (!) Moscheen, in die Sinan-Pascha-Moschee dürfen wir rein. Die St. Georg-Kirche und die Marienkathedrale können wir nur von außen anschauen. Überall und vor allem entlang des Flusses Lumebardh i Prizrenit gibt es Cafés und Restaurants, die auch gut gefüllt sind. Besonders faszinierend finden wir die Straße mit den vielen Läden für Hochzeits- und Festkleider. Selbst für die kleinen Gäste solcher Feiern gibt es spezielle Läden. Es wird deutlich, dass für Festivitäten viel Geld ausgegeben wird …

Nördlich von Prizren übernachten wir etwas oberhalb von Weinbergen. Wir waren von der Hauptstraße abgebogen und fanden dann einen 20 Meter langen Weg bergauf. Nur mit Allrad erreichbar. Daher liegt auf diesem Teil des Steinbruchs kein Müll und uns sieht auch keiner. Wir haben einen schönen Blick über die Weinreben und den Kosovo. Als dann noch der Mond aufgeht, gerade ich wie immer ins Schwärmen…

Am Tag zuvor ich hatte ich eine SMS von Valmir bekommen. „Cool, Ihr seid im Kosovo angekommen! Lust auf einen Kaffee? Ich bin noch bis Sonntag hier!“ Klar haben wir Lust! Valmir ist gebürtiger Kosovare, lebt seit über 20 Jahren in Deutschland und wurde 2014 Europameister im Stuckateurhandwerk. Schon vor der Reise hatten wir ein Treffen anvisiert, aber es sah nicht danach aus, da Valmir schon wieder in Deutschland sein wollte, wenn wir im Kosovo ankommen würden. Doch nun klappt es doch noch!

Mit Valmir, seinem Bruder und seinen Eltern, die ich bei der EuroSkills in Frankreich alle kurz kennengelernt hatte, verbringen wir interessante Stunden, lernen will über Land und Leute und werden mit lecker gefüllten Blätterteig und frischen Salat verwöhnt. Die Familie ist wie viele gebürtige Kosovaren im Sommer im Land bei der Familie. Uns waren schon sehr viele deutsche, aber auch österreichische und Schweizer Autokennzeichen aufgefallen, die nicht wirklich alles Touristen sein konnten. Es sind Heimaturlauber.

Die wirtschaftlichen Perspektiven im Kosovo sind gering. Viele leben im Ausland und unterstützen die Familien im Kosovo. Auch die Frage, warum es oft an einer Stelle eine Unmenge von gleichen Läden gibt, beantwortet uns Valmir. Die Leute seien bezüglich der Geschäftsideen nicht sehr kreativ. Es würde das gemacht, was der Nachbarn mache. Beobachten konnten wir das in der „Hochzeitskleider-Straße“ in Prizren, auf dem Bazar in Peje, wenige Kilometer vor dem Haus der Familie, wo fünf Getränkekioske fast nebeneinander standen (alle mit viel zu vielen Kühlschränken, so viele durstige Menschen können gar nicht auf einen Schlag auf der nicht wirklich stark befahrenen Straße vorbei kommen) und bei Valmirs Familie und den Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite. Beide Geschäfte haben nahezu das gleiche Angebot an Heimwerkerbedarf. Aber irgendwie funktioniert es. Zum Überleben braucht es im Kosovo nicht so viel Geld, jeder hat noch seinen Garten und außerdem gibt es ja noch die Unterstützung von der Familie aus dem Ausland.

Und aus dem Garten bekommen wir zum Abschied noch eine prall gefüllte Tüte mit Paprika, unserer Meinung nach das „Staatsgemüse“ im Kosovo. Paprikas wachsen überall und werden auch überall verkauft, säckeweise. Mir war es aber am Vortag gelungen, nur zwei Paprikas für unser Risotto zu kaufen. Ein Sack hätte schnell die Ladekapazitäten in GeU II überfordert.

Wir fahren Richtung Pristina weiter, übernachten 20 Kilometer vorher in einem – natürlich vermüllten – Wald. Es ist wieder warm, wir essen sogar draußen. Allerdings kühlt es in der Nacht kräftig ab. Morgens ist es fast zu kühl im Auto. Die nächsten Nächte machen wir die Fenster besser zu …

Über die neue Autobahn sind wir am Sonntag Morgen schnell in Pristina und hören dort morgens um 10 Uhr Kirchenglocken. Es gibt aber auch zahlreiche Moscheen. Wir suchen mühselig das Ethnologische Museum, das im Lonely Planet sehr empfohlen wird. Das können wir nur bedingt nachvollziehen, als wir es schließlich gefunden haben. Die Schilder zum Museum sind nicht (mehr) vorhanden oder verblichen. Nur eins der beiden Gebäude ist derzeit zugänglich, das andere wegen Renovierung geschlossen. Das Gebäude selbst ist hübsch, ein altes typisches Familienhaus mit Räumen für die Frauen und die Männer. Die Betten sind hinter Schranktüren, nur für lange Menschen war es eng. Aber sonst wird der Gesamteindruck eher vom Zerfall der Umgebung und dem Müll geprägt, u.a. liegt Bauschutt im angeblich „schönen Garten“ herum. Wir geben eine recht großzügige Spende als Eintrittsgeld mit der Aufforderung, hier und da Abhilfe zu schaffen. Der Museumsmitarbeiter hat es verstanden, sein Englisch war gut genug.

Anschließend laufen wir noch über den Bazar, der laut Reiseführer an allen sieben Tagen auf hat. Viele Stände sind aber verweist. Um Gemüse für das Abendessen (keine Paprikas, hatten wir noch genug) und Obst für das Frühstück zu kaufen, reicht es, alles unglaublich günstig für uns. Arthur schleicht dann noch begeistert um die Handwerker-Stände und Läden und findet eine Wasserpumpe, die einen besseren Eindruck macht als unser mitgeführtes „Montagsexemplar“. Mal sehen, ob sich das bewahrheitet.

Sonst fühlen wir uns von nichts weiterem in Pristina eingeladen, um länger zu bleiben. Es ist wahrlich keine schöne Stadt, zu viele Baustellen, zu viel Müll und viel „Halbgares“. Wir machen uns auf, an diesem Sonntag noch eine zweite europäische Hauptstadt zu besichtigen. Von Pristina führt uns unser Weg direkt nach Skopje. Die Straße raus aus Pristina ist zunächst sechsspurig. Auch hier gibt es viele Geschäfte mit Baumaterial und Möbeln, teilweise recht protzig und überdimensioniert gebaut. An einer Autobahn wird gebaut, die auch über die Grenze hinweg führen wird.