Reisetagebuch

29.07. bis 06.08.2010, Ukraine, von Feodosiya bis Balaklava

Die Krim hat viel zu bieten: tolle Landschaft mit einem Gebirgszug direkt am Meer, jede Menge Festungen, Palais und Schlösser sowie viele Gelegenheiten, die verschiedensten Weinprodukte zu testen. Dazu kommen überall überfüllte Strände mit dem üblichen Unterhaltungsprogramm. Von Ort zu Ort ziehend sind wir gut beschäftigt und quälen uns dabei mitunter mit der unklaren und spärlichen Ausschilderung der Sehenswürdigkeiten. Dazu kommen Verständigungsprobleme und nicht gerade geringe Temperaturen. Also volles Programm und entsprechend viele Eindrücke.

Zunächst sind wir erstaunt, wie plötzlich sich die Krim erhebt. Von Kerch kommend war zunächst alles platt. Kurz hinter Feodosiya fangen die Hügel an, die bis zu 1.500 Meter hoch werden, aber auch nur maximal 50 Kilometer ins Land gehen. Der nördliche Teil der Krim ist dann wieder platte Steppe. Im Gegensatz zur russischen Schwarzmeerküste ist das Klima hier trockener, die Vegetation ist daher auch spärlicher. Dazu kommt der Weinanbau, der bewässert wird.
In Feodosiya steht vor allem die Nutzung des Internets an. Danach bummeln wir noch ein wenig durch die Stadt: sie ist voll, aber der Strand ist noch viel voller. Wirklich dicht an dicht liegen sie hier. Für unseren Geschmack ist das gar nichts. Dazu gibt es auch in der Ukraine unendlich viele Stände mit Tinnef aus aller Welt und überall ein Überangebot an Vergnügungsmittel aller Art. Da fallen die zum Teil schönen Villen am Strand, die allerdings ein wenig Zuwendung bedürfen, kaum auf. Da es uns hier zu voll und zu laut ist, verziehen wir uns zur Nacht in die Hügel, wo zum Glück noch ein bisschen Wind weht.
Mit unserem Besichtigungsprogramm fangen wir in Sudok an. Dort gibt es eine alte Genueser Festung, die wieder in einem guten Zustand ist. Trotz der Mittagshitze erklimmen wir den höchsten Punkt der Festung auf dem Hügel, um den Überblick zu bekommen. Ansonsten gibt es auf dem gesamten Gelände "Mittelalterspektakel". Man kann einschlägige Ritter-Verkleidungen anmieten und sich damit fotografieren lassen und beim Schmieden mitmachen.
Nächste Ziel ist die Krimsekt-Kellerei "Noviji Svet" im gleichnamigen Ort wenige Kilometer weiter westlich, die noch nach der "Methode traditionelle" herstellt. Wir finden zwar die Kellerei, aber dort können wir mangels gemeinsamer Sprache noch nicht einmal herausfinden, ob und wann es Besichtigungen gibt. Wir suchen daher den Verkaufsladen auf. Das Finden war trotz diverser Schilder nicht ganz leicht. Uns halfen am Ende „entgegenkommende Tüten“ mit dem Aufdruck „Noviji Svet“. Dort spricht die Verkäuferin so viel Englisch, dass der Kauf des Krimsektes schnell und einfach erledigt ist. Wir kosten ihn dann am Abend in den Weinbergen stehend. Er schmeckt!
Da es uns direkt am Schwarzen Meer weiterhin zu voll und zu warm ist, verziehen wir uns nach einem kurzen Badeaufenthalt in Alushta für drei Tage „in die Höhe“ und parken unseren GeU auf einer Touristenbasis am Anharskyi-Pass. Die Höhe von gut 700 Metern macht sich bei den Temperaturen schon bemerkbar. Sonst ist die Touristenbasis eher dürftig ausgestattet und wieder einmal sind wir froh, dass wir ein „Badezimmer mit Dusche und Toilette“ dabei haben.
Vom Pass aus machen wir zwei Wanderungen, einmal nach Westen auf ein Hochplateau mit den Bergspitzen Eklizi-Burun (1.527 Meter hoch und damit der zweithöchste auf der Krim) und Anhar-Burun (1.453 Meter). Das beschert uns eine tolle, aber dunstige Aussicht auf die Schwarzmeerküste, Richtung Norden zur Stadt Simferopol und auf die weiteren Gebirgszüge der Krim. Mit der Beschreibung des Reiseführers kommen wir nicht klar, laufen aber am Ende die beschriebene Runde weitgehend richtig, nur in umgekehrter Richtung und vor allem viel schneller als angegeben. Statt der 5.45 Stunden brauchen wir gerade mal vier Stunden für die knapp 13 Kilometer mit 760 Höhenmeter und können dann ab Mittag im Schatten unseres Wohnmobils „abhängen“. Andere Urlauber, zwei Polen, brauchen die doppelte Zeit, liefen aber auch zu wärmeren Zeiten und kommen am Abend entsprechend platt im Lager an. Die beiden haben übrigens den gleichen Reiseführer wie wir, denn unser Krim-Reiseführer ist eine Übersetzung eines polnischen Buches.
Bei der zweiten Wanderung haben wir von Anfang an wieder Probleme mit der Beschreibung und machen eine gänzlich andere Wanderung als beschrieben und geplant. Statt um den Demerdzhi-Süd herum zu laufen, laufen wir auf den Demerdzhi-Nord herauf. Die Route ist aber auch sehr schön, erst durch Wald, dann oberhalb der Baumgrenze über "Almwiesen" und vorbei an einer der Abbruchkanten dieser Berge. Dieses Mal brauchen wir länger, geraten so richtig schön in die Mittags- und Nachmittagssonne und verlieren dann noch mitten im Wald (aber immerhin ist es dort schattig) den Weg. Es folgt eine „Querwaldeinpassage“, die mir viele Mückenstiche bescheren. Gehört wohl auch dazu! So träumen wir auf den letzten Metern nur noch von kalter Cola. Aber die Bar an unserer Touristenbasis hat zu und unsere Cola ist warm. Wir stärken uns wieder auf den Isomatten liegend neben dem Auto mit Eistee und Traubenzucker. 18,8 Kilometer mit ähnlich vielen Höhenmetern wie am Vortag plus mehr Wärme merken wir deutlich.
Da tut die Erholung im Auto am nächsten Tag ganz gut. Zunächst fahren wir in den Ort Utos, um die Villa der Fürstin Gagarin zu besichtigen. Das ist nur von außen möglich, da dort heute eins der vielen krimschen Sanatorien untergebracht ist. Von hier aus haben wir einen schönen Blick zum heiligen Berg "Aiudah", den wir aber wegen Muskelkater und Sonneneinstrahlung nicht besteigen wollen. Der Berg liegt direkt an der Küste und soll an einen Bären erinnern, der wegen seiner Sehnsucht an ein kleines Mädchen das Meer leer trinken will. Wir können keinen Bären ausmachen.
Weiter geht es nach Hurzuf - angeblich der Ort der Reichen und Schönen. Nun ja, die Geschmäcker sind verschieden. In der Tat gibt es noch eine hübsche Altstadt mit alten Häusern, die nur über sehr schmale und nur zu Fuß erreichbare Gassen und Treppen verbunden sind. Am Wasser herrscht das übliche „Tohubawohu“. Da uns die Imbisse nicht ansprechen, landen wir in einem sehr guten und netten Restaurant – mit englischer Menu! Das müssen wir ausnutzen und schlagen trotz der Wärme dreigängig zu: Lachstartar und Mixed Pickles zum Start, gegrillter Fisch (red mullets (kleine Fische wie Sprotten) und grey mullet (nicht rot und in der Größe für eine Person passend) mit Bratkartoffeln und gegrilltem Gemüse sowie Pannacotta und Strudel mit Waldbeeren zum Abschluss. Das Restaurant versprach für seine Küche einen Mix aus der historischen Vergangenheit der Krim. Den italienischen, griechischen, tatarischen, türkischen und russischen Einfluss hat man gemerkt.
Gestärkt fahren wir zum Massandra-Palais, der vor gut 130 Jahren auf Wunsch des damaligen Generalgouverneurs und nach den Plänen eines französischen Architekten gebaut wurde. Später ging der Palais ins Eigentum der Zarenfamilie über, aber auch die kommunistische Regierung Russlands fand Gefallen am Haus mit seinem wunderschönen Park. Er ist daher in einem guten Zustand.
Und dann wollen wir nur noch zum Abschluss des Tages in die nahe Massandra-Weinkellerei fahren. Wir „erweitern mal wieder stark unsere Ortskenntnisse" für den kleinen Ort Massandra und kennen jetzt eigentlich alle Straßen – weil wir der Ortsbeschreibung des Reiseführers vertrauen. Dort heißt es, dass die Weinkellerei unterhalb der Fernstraße liegt. Sie liegt aber oberhalb und ist so gut wie kaum ausgeschildert. Kurz bevor man sie erreicht und schon die Firmenschilder sehen kann, finden sich auch Hinweisschilder. Wir wollten fast schon aufgeben….
Nun müssen wir nur noch mit den etwas störrischen Mädels an der Kasse der Weinkellerei klar kommen. Auf unsere Frage „Do you speak English?” kommt ein hartes „No!“ und sie lässt uns einfach stehen. Aber mit etwas Mühe und gemeinsamen Herausgehen zum Hinweisschild bekommen wir, was wir wollen: Tickets für eine Führung und eine Weinprobe. Nun ist die Frage, wie wir das ebenfalls rein in Russisch gehaltene Schild interpretieren konnten? Wir wussten, dass es hier neun Weinsorten zu probieren gibt. Die Zahl neun war auch für uns erkennbar. Von der Führung durch das Weingut verstehen wir leider nur sehr wenig. Dennoch ist es beeindruckend, wie visionär Graf Golizin vor 125 Jahren hier seine Weinkellerei aufgebaut hat. Es gibt Lagergänge unter der Erde mit konstanter Temperatur und zwar alles andere als klein. Jeder Gang ist 150 Meter lang und voll mit Fässern und Flaschen. Dazu gehört inzwischen auch eine Weinsammlung, deren älteste Flasche aus dem Jahr 1775 ist: ein Sherry aus Jerez de la Frontera. Dagegen sind die Flaschen unserer Geburtstagsjahrgänge 1965 und 1968 gerade zu jung.
Die Kellerei hat sich auf die Produktion von Madeira, Port und Sherry sowie Dessertweine spezialisiert. Auch hier verstehen wir von den Erklärungen nichts, aber es gibt immerhin eine mehrseitige Erläuterung auf Englisch. Wir testen mit Genuss neun verschiedene Produkte und kehren leicht angeheitert zu unserem GeU zurück. Den hatten wir vor der Tür passend für die Nacht geparkt. Ach wie schön ist doch Reisen mit dem Wohnmobil.
Am nächsten Morgen müssen wir zunächst die Spiegelhalterung auf der Beifahrerseite wieder anschweißen lassen. Dieses war am Vorabend abgerissen, als wir bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz vor der Weinkellerei beim Zurücksetzen mit dem rechten Hinterrad über eine Kante gerutscht waren. Wir fahren einfach auf den nächsten Baubetrieb und zeigen auf das Schweißgerät. Die Bauarbeiter wollen zunächst viel zu gewissenhaft arbeiten. Aber Arthur kann sie überzeugen, die Halterung „einfach wieder anzubraten“. Auch hier hat unser IFA Sympathien erweckt, so dass man für das Schweißen kein Geld haben will.
Dann erreichen wir Jalta, das touristische Zentrum der Krim-Riviera. Die Uferpromenade bietet das übliche, dazu aber auch edle Boutiquen. Nur können wir am Vormittag noch nicht die passenden Kunden dazu auf der Promenade finden. Bemerkenswert sind zudem die altherrschaftlichen Sofas auf der Promenade, die so ausstehen, als ob die den Zarenpalästen entnommen sind. Sie dienen als Fotokulisse. Direkt daneben kann man die passenden Kleider anmieten und sich fotografieren lassen. Leider tut das am Vormittag noch keiner, daher gibt es keine Fotos davon.
Von Jalta aus kann man diverse Bootstouren entlang der Küste machen. Wir fahren mit dem Boot 25 Minuten zum Schwalbennest, dem Wahrzeichen der Krim, das fast über den Felsen hängt. Muss ich noch erwähnen, dass hier viele Menschen und viele Stände sind?
Der weitere Tag ist mal wieder mit Herumsucherei verbunden. Wenige Kilometer von Jalta entfernt liegt der Livadia-Palast, wo direkt nach dem Krieg die berühmte Jalta-Konferenz stattgefunden hat. Das erste Hinweisschild mit englischer Beschriftung hatten wir 46 Kilometer zuvor gesehen. Danach folgte so recht keins mehr, auch nicht in kyrillischer Schrift, die wir inzwischen soweit lesen können. Wir gelangen zwar am Ende zum Palast, dann verlassen sie uns aber. Es gibt diverse Kassen, aber an keiner können wir entnehmen, für was dort Geld verlangt wird. Wir belassen es also bei einer Außenbesichtigung. Nun wollen wir noch den Orgelsaal finden, wo es täglich Konzert auf der größten Orgel der Ukraine geben soll. Die im Reiseführer angegebene Adresse stimmt nicht. Hin und wieder finden wir an unsinnigsten Stellen Hinweisschilder, wo man eigentlich nur gerade aus gehen kann. Wenn man allerdings eine Wahl hat, ist kein Schild zu finden. Nach dem Herumirren rund um den Palast sind wir schon etwas angenervt und hatten eigentlich schon aufgegeben, als wir plötzlich doch noch ein Schild zum Orgelsaal sehen, das uns tatsächlich zum Ziel führt. Bis auf die Tatsache, dass es im Orgelsaal ziemlich heiß und stickig war, erleben wir ein schönes einstündiges Orgelkonzert für vier Euro pro Person.
Das Konzert machte uns friedlich, so friedlich, dass wir selbst den kleinen Kraftakt mit zwei sturen ukrainischen Autofahrern gelassen hinnehmen. Wir wollen mal wieder eine sehr enge und gut zugeparkte Straße entlangfahren. Vorausschauende Fahrweise ist hier völlig unbekannt. Es wird gefahren, bis es nicht mehr geht. Da stehen die beiden Fahrzeuge direkt vor unserer Stoßstange. Wir müssten jetzt mehrere hundert Meter zurückfahren, die beiden nur 50 Meter bis zu einer Einfahrt. Es wird gehupt und geschimpft. Arthur bleibt auch stur, macht die Warnblinkanlage an und den Motor aus. Nach fünf Minuten setzen sie sich doch rückwärts in Bewegung. Geht doch!
Es folgt für diese Etappe eine letzte Suchaktion nach dem Woronzow-Palast. Wieder gibt es keinerlei Hinweisschilder, auch nicht in Russisch. Dabei sind am Palast jede Mengen Menschen, die aber in den Badeorten Touren buchen. Und diese Fahrer wissen, wohin sie müssen. Am Palast dann auch keine Ausschilderung in Englisch. Wir erstehen an einer der vielen Kassen zwei Karten und sind nicht sicher, ob sie wirklich für den Palast sind. Als wir sie am Eingang etwas unsicher vorzeigen, erwidert die Frau nur ein „of course“. Immerhin dieses Wort kannte sie schon. Weitere Kenntnisse fragen wir nicht ab. Von der Führung verstehen wir nichts. Das macht auch nicht, der Text wird mehr als deutlich gelangweilt heruntergeleiert. Zum Glück kann man Paläste einfach auch anschauen. Die Räume mit den Möbeln sind nett anzusehen, ebenso der riesige Park und die Terrasse mit den Löwen im unterschiedlichen Wachheitsgrad.
Den Rest des Tages verbringen wir zunächst im Internet. Da schon neue Texte auf der Homepage angemahnt werden, machen wir uns dann auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz. Leider stoppt uns die Polizei für eine Stunde wegen einer allgemeinen Straßensperrung. Warum erfahren wir nicht, aber irgendein wichtiger Mensch muss hier wohl vorbeikommen. Wir gelangen noch bis Balaklava und stehen westlich des Ortes auf einem Hügel – allerdings ohne jeglichen Windzug. Hier schreiben wir bei 33 Grad im Auto und suchen Bilder aus.

06.08.2010

Balaklava
Ukraine

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