Reisetagebuch

11.06. bis 16.06.2010, Türkei, Sinop bis kurz vor Samsun

Die Launen des Ungetüms halten uns weiterhin auf Trab und führen zu Stillstand mit einer dreitätigen Zwangspause auf einer Tankstelle. Die Folge ist schlechte Stimmung, da wir zurzeit fast ausschließlich am Auto basteln und nicht so reisen, wie wir es gerne wollten.

Doch zunächst waren wir guter Stimmung, als wir am Freitagabend Sinop verlassen. Der Ort hatte uns gefallen, vor allem die Uferpromenade mit ihren vielen kleinen Restaurants. Später stellen wir fest, dass wir beide gerne dort geblieben wären. Das hatten wir beide angesichts unseres Zeitplans nicht gesagt. Stattdessen wollten wir noch einige Meter rollen und irgendwo an einem ruhigen Platz einen Pausentag einlegen. Aber daraus wurde nichts, denn nach wenigen Kilometern, also kurz hinter Sinop, steigt die Temperatur von GeU an. Arthur lenkt ihn gerade noch auf eine Tankstelle. Dort stellen wir dann fest, dass das Kühlwasser im hohen Bogen flutartig aus dem Ausgleichsbehälter herausschießt. Nach kurzer Abkühlzeit gießen wir Kühlwasser nach, verstehen nach wie vor nicht, was eigentlich los ist und wollen trotzdem weiterfahren. Wir kommen gerade einmal von der Einfahrt der Tankstelle bis kurz vor die Ausfahrt, also 30 Meter. Und schon wieder schießt das Kühlwasser durch den Ausgleichsbehälter nach draußen. Also bleiben wir an Ort und Stelle stehen und fangen am nächsten Morgen mit einer großen Bastelorgie an. Doch kaum laufen wir ums Wohnmobil herum, werden wir vom Tankstellenleiter mit Tee und Teilchen versorgt. Es folgen noch viele Teetassen, da wir dem Tankstellenteam wohl ziemlich leid tun mit unserem unwilligen Auto. Aber der Reihe nach.
Zunächst finden wir im Ausgleichsbehälter, der inzwischen eher einem Ballon gleicht, einen Riss. Arthur baut ihn aus und läuft, da ihm das Material und Werkzeug fehlen, zu den ein Kilometer entfernten Autowerkstätten und kommt guter Dinge mit einem gelöteten Behälter zurück. Doch leider hat sich nichts geändert. Kaum läuft GeU für 30 Sekunden, schießt das Kühlwasser wieder heraus. Und wieder kommt der Verdacht auf, es könnte etwas an einer Zylinderkopfdichtung, am Zylinderkopf oder an einer der Zylinderlaufbuchsen sein. Also wieder Motorauseinanderschrauben – wie zuletzt vor vier Wochen bei Prag. Nur haben wir nur vier Zylinderkopfdichtungen für sechs Zylinder. Also ganz auseinanderschrauben geht nicht. Noch einmal können wir die Dichtungen nicht recyceln. Wir überlegen, wie wir die einzelnen Zylinder testen können. Ein Variante ist, die Einspritzdüsen herauszuziehen. Tritt das Kühlwasser dann nicht mehr aus, haben wir den Übeltäter gefunden. So testen wir vor uns hin und stellen einmal kräftige Unterschiede fest. Also erneuern wir zwei Zylinderkopfdichtungen mit allen, was dazu gehört: An- und Abmontage des Krümmers, der Dieselleitungen usw. Aber nach dem ersten Tag sind wir keinen Schritt weiter, haben zwei von vier Dichtungen verbraten und sind ratlos sowie gefrustet.
Am Sonntagmorgen telefoniert Arthur mal wieder mit seiner IFA-Community. Andre erinnert sich, dass Thomas mit seinem L60 ähnliche Probleme hatte. Also dort Anruf und den Tipp bekommen, dass wir GeU ohne Krümmer starten sollen. Dann würden man sofort sehen, welcher Zylinderkopf schwächelt. So wird es getan, nur sehen wir nichts, keine Unterschiede beim Abgas. Wir entscheiden uns, am nächsten Morgen eine Möglichkeit für einen Kompressionstest der Zylinder aufzutreiben, also kommen zu lassen, denn fahrfähig sind wir ja nicht. Denn Sonntagnachmittag hängen wir gefrustet herum, trinken Tee und überlegen, wie wir die Reise weiterhin gestalten.
Und dann kommt uns ein neuer Verdacht. Bei den ersten Problemen mit dem Motor in Prag hatte Jörg das Stichwort „Kompressor“ in die Ursachendiskussion geworfen. Könnte es sein, dass der Kompressor durch eine kaputte Dichtung Druck auf das Kühlwassersystem ausübt? Am nächsten Morgens stellt sich beim Testen heraus: So ist es. Da wir einen Ersatzkompressor haben, wird dieser eingebaut. Doch der Frust hält weiter an, denn beim zweiten Testlauf, also nach 120 Sekunden Laufzeit, ist eine nagelneue Dichtung im Kompressor kaputt. Wir könnten schreien. Also wird dieser Kompressor aufgeschraubt und mit neuen Dichtungen versehen. Dann sind wir am Montagabend, nach drei vollen (teilweise unnötigerweise verbrachten) Tagen auf der Tankstelle, mal wirklich guter Dinge, dass wir weiterrollen können. Ansonsten war der Platz von der Aussicht nicht der Schlechteste: wir hatten einen tollen Blick über die Bucht auf die Landzunge, auf der Sinop liegt. Ein ganz kleiner Trost.
Und so rollen wir am nächsten Tag nach einem sehr herzlichen Abschied und einem letzten Tee los. Nach 20 Minuten der erste Stillstand. Der neue Kompressor mit neuer Dichtung arbeitet so gut, dass die bekannte Schwachstelle in der Luftdruckleitung reißt. Über diesen Ärger hatten wir mal nicht im Reisetagebuch berichtet. Also wird der Fremdbefüllungsanschluss herausgenommen und eine Schraubverbindung eingebaut.
Dann rollen wir immerhin eineinhalb Stunden und hatten gerade die Straße für die normale Mittagspause verlassen, als der Druck abfällt und sich auch nicht wieder erholt. Wir hören beide ein Zischen im Motorraum, sofern man bei GeU´s Geräuschen und dem starken Wind ein Zischen ausmachen kann und haben einen Luftdruckschlauch in Verdacht. Also werden zwei Schläuche ausgetauscht – ohne jegliche Veränderungen, denn mal wieder ärgert uns der Kompressor. Ein Ventilblättchen im Kompressor ist hin. Das hatten wir auch schon mal vor Jahren auf dem Weg zum Därrtreffen. Nur haben wir keins mehr davon dabei und bauen das noch intakte (somit ein ganz wertvolles Teil!) aus dem am Vortag ausgebauten Kompressor ein. Natürlich bestellen wir sofort in Ludwigsfelde neue. Hoffen wir, dass es so lange hält, bis Arthur mit den Ersatzteilen aus Deutschland zurück ist. Dazu kommt noch eine notorische Undichtigkeit der Luftdruckleitung am Kompressor, die dort regelmäßig aufgrund der Vibrationen reißt.
Viele Kilometer folgen an diesem Tag nicht mehr. Kurz vor Samsun suchen wir uns einen Platz am Meer. Hier gibt es zwar viele Häuser, auch von einem Deutschen. Aber auch hier können wir einfach stehen und finden dazu noch ein offenes Wlan. Also bleiben wir hier erst einmal. Wir gehen beide joggen, um unseren Frust abzubauen. Arthur lernt für seine Prüfung und ich aktualisiere unsere Internetseite.
Insgesamt erleben wir nicht die Reise, wie wir sie uns vorgestellt und gewünscht hatten. Unser GeU, der uns in Afrika so ein verlässliches Auto war, ärgert uns heftig. Uns gehen viele Gedanken durch den Kopf, auch was wir künftig mit GeU machen sollen: von Generalüberholung bis Verkauf ist alles dabei. Nur müssen wir mit ihm noch nach Hause kommen.
Zum Glück hat Türkisch Airlines Arthurs Flug von Van gecancelt. Somit konnten wir jetzt neu überlegen. Arthur fliegt jetzt von Trabzon, da wir uns mit GeU nicht getraut haben, in fünf Tagen über 1200 Kilometer zu fahren. Damit lagen wir ja richtig, denn am ersten Fahrtag waren wir gerade mal 138 Kilometer weit gekommen, da wir wieder 3 Stunden gebastelt haben. Mal schauen, wie es weitergeht. Zu große Neidgefühle sollten bei unseren Lesern zurzeit jedenfalls nicht aufkommen. Oder möchte jemand GeU hier an Ort und Stelle kurz vor Samsun übernehmen?

16.06.2010

Samsun
Türkei

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