Reisetagebuch

06.06. bis 11.06.2010, Türkei, Malko Tarnovo bis Sinop

Wir erreichen das Land unsere Reise, wo wir uns wohl am längsten aufhalten werden und werden nett, aber überraschend begrüßt. Wir lernen den Offroadclub Istanbul kennen, überqueren den Bosporus und gelangen somit nach Asien und zockeln entlang der schönen Schwarzmeer-Küste. Natürlich scheint auch hier nicht immer die Sonne und GeU bleibt ein wenig zickig.

Am Vorposten des Grenzübergangs sieht man dem Diensthabenden leichte Panik an, als er uns sieht. Er nimmt Kontakt mit dem Vorgesetzten auf. Wir nehmen nur die Worte „Camion“ (LKW) und „Bulldozer“ wahr. Also ein Bulldozer ist unser GeU nun doch nicht. Der Vorgesetzte kommt herbeigelaufen und sieht sofort, dass wir ein Wohnmobil sind. Wir dürfen passieren, haben schnell den Stempel im Pass und Arthur noch eine Eintragung zu GeU. Die Menschen sind an der Grenze sehr nett und auch danach wird uns immer wieder nett gewunken. Das macht Spaß.
Nun rollen wir wieder zur Küste, navigieren aber zeitweilig mit Laptop und russischen Digitalkarten. Wir haben uns eine kleine, sehr küstennahe Route ausgesucht, die auf der Landkarte mit „nur im Sommer befahrbar“ gekennzeichnet ist. Und Sommer ist wohl angesichts des wieder eingesetzten Regens wohl noch nicht. Dafür machen wir Bekanntschaft mit einer angeblich typischen türkischen Eigenschaft von Picknickern am Straßenrand, die laut hinter Passierenden herrufen. Wir hören es zwar rufen, fahren aber weiter, um 100 Meter später zu stoppen. Die Brücke ist zwar noch vorhanden, aber nicht mehr mit der Straße verbunden. Starke Regenfälle (also keine Ausnahmeerscheinung) haben in dieser Gegend vor einem halben Jahr so manches mitgerissen. Deshalb steht auch der Offroadclub Istanbul mit vier Landrovern kurz vor der Brücke und blockiert nach unserer Umkehr die Straße. Wir geben uns natürlich schnell geschlagen und kaum hat Arthur den Motor aus, hat er auch schon ein Bier in der Hand. Die Istanbuler Jungs sind super neugierig und wollen den unbekannten IFA von allen Seiten kennenlernen. Eine junge Frau spricht Deutsch, übersetzt, sofern das Englisch nicht reicht. Leider ist jedoch Sonntag und die Clubmitglieder müssen zurück nach Istanbul. Schade, es wäre bestimmt ein netter Abend geworden.
Wir geben uns natürlich nicht von der kaputten Brücke geschlagen. Arthur will es wissen und spielt mit seinem GeU am nächsten Morgen ein wenig im Schlamm. Wir fahren einen kleinen, sehr schlammigen Weg hinein. Ich habe wieder den Laptop auf dem Schoß, um auf den Digitalkarten zu schauen, wo uns der Weg hinführt. Aber alleine wird es uns doch zu mulmig, weil zu steil und zu matschig. Bleibt das Problem, ein sieben Meter langes Fahrzeug auf einem Weg zu wenden, der nur unwesentlich breiter als GeU lang ist. GeU hängt fast im Graben und tief im Busch. Die Leiter hat danach eine Delle, aber es geht wieder vorwärts aus dem Weg heraus.
Wir versuchen später noch an anderer Stelle eine Strecke zu fahren, die nur im Sommer befahrbar ist. Auch hier kommen wir diesmal mangels Schranke nicht weiter. So nehmen wir Kurs auf Istanbul und sind gespannt, wann wir in der bekannten Rushhour den Bosporus überquert haben. Wir haben gerade die Autobahnauffahrt erreicht, als GeU mal wieder zickig wird: er geht aus und bleibt stehen. Aber inzwischen kennen wir das Allheilmittel: Umstellung auf den anderen Tank. Dann spurt er wieder! Trotzdem sorgt es für Anspannung und ist völlig unnötig. Irgendwann wird es auch GeU einsehen.
Die Bosporus-Brücke ist mautpflichtig und stark befahren. Leider nehmen nur drei von 15 Schaltern Bargeld. Hier kommt der „Urtürke“ zum Vorschein, so Arthurs Aussage: Türken sind laut allen Reiseführern und den ADAC-Angaben für ihre gewöhnungsbedürftige und eigenwillige Fahrweise mit viel Huperei bekannt. Obwohl es eine Spur sein sollte, rollt der Verkehr hupend und drängeln auf bis zu fünf Spuren dem Schalter entgegen. Und immer wieder wird die Spur gewechselt! Zwischendrin sucht sich der Brotverkäufer zu Fuß seinen Weg. Auch ich steige aus, um zu erkunden, ob es wirklich der richtige Schalter für uns ist. Ja, Nummer 7 ist korrekt. Das Hupen bedeutet eine Art der Kommunikation und Arthur macht schnell mit. Nach einer halben Stunde haben wir beulen- und schrammenfrei den Schalter erreicht, nur gibt es ein Problem mit unserem Geldschein. Von einer der letzten Reisen in die Türkei hatte Arthur noch 50-Lira-Scheine, die nun nicht mehr gültig sind, aber bei Banken umgetauscht werden können. Das hatten wir gelesen, aber direkt wieder vergessen. Aber da wir wohl kaum hätten umkehren können (Das wäre ein Gehupe geworden!!!), wird der Schein angenommen und der Wert auf eine Karte geladen. Somit wissen wir nicht, was die Passierung des Bosporus wirklich gekostet hat. Uns auf jeden Fall umgerechnet 50 Lira (ca. 25 Euro), sofern wir nicht noch eine Verwendung für den restlichen Wert auf der Karte finden oder die Karte zurückgeben können.
Und somit rollt GeU nach Asien. Auf einem Schild steht „Welcome to Asia“. Die Sicht auf den Bosporus ist dürftig. Wir verlassen schnell wieder die Autobahn und schlängeln uns am Bosporus Richtung Norden und Schwarzmeerküste. Wir erreichen den einzigen Ort dieser Reise, wo wir bereits zuvor gemeinsam waren: Anadolu Kavagi. Dort hatten wir vor sieben Jahren von Istanbul aus einen Ausflug mit dem Schiff hin gemacht. Wir stoppen für ein Foto und bekommen mal wieder zu hören, dass für die nächsten Tage mit Regen zu rechnen ist. Der Deutschsprechende Türke hat ansonsten Zweifel, ob GeU nicht zu groß für den Ort Anadolu ist. Naja, viel größer hätte GeU nicht sein dürfen.
Wir wollen nun wieder an der Küste fahren, aber hier hat sich die Armee breit gemacht und zwingt uns zu vielen Umfahrungen. Viele Ort sind auf der Karte nicht zu finden. Wir sind gut geschafft, als wir schließlich das Meer wiederfinden und am Strand für die Nacht parken. Und wieder prasselt es die Nacht über aufs Dach.
Unser Ziel ist es, gemäß dem Motto der Tour, entlang des Schwarzen Meeres zu fahren. Das gelingt auch weitgehend und dazu bekommen wir tolle Landschaften zu sehen. Die Strecke zwischen Amasra und Sinop hat angeblich die Qualität wie der Highway No. 1 in Kalifornien. Den kennen wir zwar beide nicht, aber diese Strecke ist auf jeden Fall sehr schön, zumal wenn dann wirklich mal die Sonne herauskommt. Aber für GeU und seinen Fahrer ist es auch sehr anstrengend. Motor und Bremse werden jeweils abwechselnd beim bergauf und bergab kräftig gequält. Teilweise ist nicht mehr als der dritte Gang möglich – hoch wie runter. Steigungen sind grundsätzlich mit 10 Prozent angegeben. Am Abend lassen wir uns vom Navi ein Höhenprofil anzeigen. Zusammen mit den GPS-Punkten sieht es wie „Manhatten by night“ aus. Wir pendelten zwischen null und 320 Metern über dem Meeresspiegel und sind auch sonst küstennah. Die Qualität der Straße ist unterschiedlich und schwankt zwischen vierspurig und gut bis zu einspurig und schlecht, da ein Teil der Straße nun im Meer versunken ist. Um so steiler es ist, umso weniger Menschen leben hier. Dann wirkt die Landschaft durch die Bewaldung noch schöner.
Aber trotz Küstenstraße ist die Navigation nicht immer einfach. Die Beschilderung in der Türkei schwankt auch zwischen gut und eindeutig und fehlt dann plötzlich gänzlich. Oder wir sind zu blöd, auch nicht ausgeschlossen. Hinter Zonguldak verirren wir uns gänzlich. Schon dort hatten wir das Lkw-Verbotsschild ignoriert, sind durch die Haupteinkaufsstraße gekommen (schadensfrei für uns und alle anderen) und wollten dann durch die Berge wieder auf die Hauptstraße. Wir finden noch ein Schild nach „Gelik“ und kennen nun alle Wege in Gelik, nur enden alle in Bergwerken. Weder die beiden unterschiedlich alten Landkarten noch die russische Digitalkarte helfen uns weiter. Aber dafür waren es spannende Einsichten in die unterschiedliche Bergwerke und Herausforderungen auf den steilen und schlechten Pisten für GeU! Das kostet zwar in dem Moment Nerven, aber ist auch ein Teil unserer Reisen, den wir schätzen.
Und dann träumen wir nur noch vom Campingplatz mit Internet, Waschmaschine und Landstrom, um diverse Dinge auf die Reihe zu bekommen und uns etwas zu erholen. Den Campingplatz finden wir in Sinop nicht, aber dafür einen Laundryservice. Damit haben wir fünf Stunden Zeit (und hängen noch etwas dran) und verbringen die Zeit in einem kleinen Bistro mit WLAN, essen Köfte (gebratenes Hackfleisch), können Computer und Handys laden und aktualisieren die Internetseite.
Hier bestellen wir auch diverse Ersatzteile für GeU, die Arthur mitbringt, wenn er von seiner Sachverständigenprüfung aus Köln zurückkommt. Irgendwann müssen wir ja mal die Launen des Ungetüms in den Griff bekommen. Erfahrungsgemäß muss die Drohkulisse stimmen. Mal schauen, was GeU dazu sagt. Nun brauchen wir nur noch ein Plätzchen zur Erholung.

11.06.2010

Sinop
Türkei

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