Reisetagebuch

25.05. – 31.05.2010, Ukraine, Odessa bis Izmail

Nach kurzem Aufenthalt in Odessa gibt es den ersten Pausentag, der diese Bezeichnung verdient. Etwas erholter machen wir uns auf den Weg zur Grenze, als uns mal wieder eine Reifen-Pech-Strähne erwischt und uns nun hier in der Ukraine festhält.

Die eigentliche Besichtigung Odessas verschieben wir, wenn wir das Schwarze Meer umrundet haben. Wir setzen uns nur mit unseren Rechnern ins Cafe, um die Ankunft am Schwarzen Meer auf unserer Homepage zu verkünden, und kaufen in einem eher exquisiten Lebensmittelladen in der Nähe der berühmten Oper einige Lebensmittel ein. Dann verlassen wir Odessa Richtung Süden, zockeln über die Dörfer Richtung Donaudelta. Die ukrainischen Dörfer gefallen uns und wir erregen egal, wo wir stehen, keinerlei Aufmerksamkeit. Das kannten wir von Afrika gar nicht, aber es gefällt uns sehr gut.
Unweit der Küste an einem Haff verbringen wir zwei Nächte und spannen von den bisherigen Ereignissen aus. In der zweiten Nacht tobt ein schweres Gewitter über uns hinweg. Immer wieder wird es taghell im Wohnmobil und es kracht gewaltig. Aber tagsüber ist es jetzt angenehm warm und die Sonne scheint. Leider können wir den Reiseführer nicht entnehmen, ob die Wetterlage normal ist oder auch in Zusammenhang mit den starken Niederschlägen in Osteuropa stehen.
Und dann wollen wir unseren ersten Aufenthalt in der Ukraine beenden. Munter rollen wir auf Nebenstraßen daher, als es plötzlich laut „peng“ macht. GeU gerät kräftig ins Schleudern und wir kommen dem Straßengraben gewaltig nahe. Aber dank Arthurs optimaler Reaktion bringt er GeU nach zehn Sekunden und 110 Metern von ursprünglich 76 Stundenkilometern zum Stillstand. Diese Infos holen wir uns später aus dem Navigationsgerät bzw. sind den deutlich markierten Bremsweg abgelaufen.
Doch zunächst sind wir beide etwas mitgenommen, denn viel hat zum Umkippen nicht gefehlt. Die Nebenstraßen sind zwar nicht gerade toll, aber auch nicht so schlecht, dass wir mit Reifenproblemen dieser heftigen Art rechnen mussten. Der Reifen (bis dahin gute 10.000 km inklusive der Libyentour gelaufen) ist hin, hängt aufgerissen und verkeilt auf der Felge, Spreng- und Felgenring haben sich gelöst und hängen verkeilt ebenfalls zwischen Rahmen und Federn. So verbringen wir 6,5 Stunden auf dieser Nebenstraße und erregen auch hier keine Aufmerksamkeit. Erst nach 4,5 Stunden bleibt der erste Wagen stehen und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Bis dahin gab es zwar nur geringen Verkehr, aber dieser hielt es meist nicht mal nötig, trotz unseres Warndreiecks und des halb auf der Fahrbahn stehenden Hecks die Geschwindigkeit zu reduzieren. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nach viel Würgerei den kaputten Reifen herunterbekommen und waren bereits beim Flicken der Bremsleitungen. Davor hatten wir uns doch recht lange damit gequält, GeU hinten rechts hochzubekommen. Überall, wo man den Wagenheber ansetzen konnte, waren Reifenreste und Sprengring. Setzte Arthur zu sehr in der Mitte an, hob sich die linke Seite. Am Ende war es ein langwieriger Prozess mit Hilfe des Highlifts, beider Wagenheber und beider Böcke sowie diverser Bretter und Holzstücken und zigmaligen Hochpumpen und Umsetzen der Wagenheber. Das brauchen wir so nicht wieder. Den zerfetzten Reifen lassen wir wohl oder übel liegen. Nun sieht der Platz hinten mit einer Felge ohne Reifen ungewohnt leer auf. Ganz zu schweigen von den Kosten für einen neuen Reifen.
Aber der Reifenärger hält an und beschäftigt uns auch am nächsten Tag – diesmal nur drei Stunden und nicht völlig unerwartet. Denn das Ersatzrad hatte einen sehr geringen Reifendruck. Nur war die Frage, ob es Arthur bei der Montage nicht richtig aufgepumpt hatte oder ob daraus ein schleichender Platten wird. Der Platte kam dann doch recht spontan. Ich hatte gerade noch auf Bitten des Fahrers nach dem Reifen geschaut und eine leichte Walkung wahrgenommen, die, wie ich jetzt weiß, kein gutes Zeichen ist. Sekunden später war er platt. Wir schaffen es gerade noch auf einen Feldweg. Da wir kein passend montiertes Ersatzrad haben, müssen wir an Ort und Stelle Reifenflicken. Erstmals kommt Arthurs selbstentwickelter und gebauter Kran zur Anwendung, damit die Reifenkatastrophen nicht auch noch zu Problemen an der Bandscheibe führen. Der Kran wird in die Stoßstange eingehängt und bewährt sich bestens. Nur unsere Arme und unsere Gesichter bekommen in der Sonne nach der Vorrötung vom Vortag noch etwas mehr Farbe.
Am Nachmittag rollen wir nach Izmail. Wir suchen das ausgeschilderte „city centre“ und Läden. Wie die Dörfer ist auch diese Stadt quadratisch aufgebaut und hat eigentlich nur einstöckige Häuser mit großen Gärten. Irgendwo gibt es zahlreiche Autos, aus deren Kofferräumen Obst und Gemüse verkauft werden. Die Auswahl beschränkt sich auf Kohlköpfe, Gurken und Erdbeeren. Am liebsten würde man alles nur kistenweise verkaufen. Bis auf den Tomatenverkäufer können wir Kleinstmengen zu kleinen Preisen durchsetzen. Es folgt noch der Einkauf von Bier, Wurst und Käse in einem kleinen Laden. Andere kleine Läden verkaufen noch direkt aus großen Säcken Getreide, Reis und Nudeln. Weiteres gibt es in dieser Hafenstadt wohl nicht. Wir empfinden es als deutlichen Kontrast zum fast schon noblen Laden in Odessa und erklären uns es mit der Selbstversorgung durch die Gärten.
Aber dann finden wir am Ortsausgang noch einen riesigen Supermarkt, der alles hat. Dazu gehören auch Sicherheitsleute, die die Einkäufe mit dem Kassenbon abgleichen – ohne wirklich in die Tüten zu schauen.
Nun brauchen wir nur noch einen neuen Reifen und Sprit. Das Tanken ist kein Problem. Am Ende haben wir 960 Liter Diesel geladen. Das bringt uns hoffentlich bis nach Georgien, denn davor wird der Literpreis überall deutlich teurer sein. Wir bekommen eine Empfehlung, wo wir einen Reifen auftreiben könnten. Wir steuern den beschriebenen LKW-Parkplatz an, wo sich der Betreiber unserem Problem annimmt. Leider dauert es schon fast einen Tag, bis wir einen Zwischenbescheid bekommen. Ja, man könnte einen unserer Reifen, die in der Ukraine hergestellt werden, besorgen, allerdings wird der nicht vor Donnerstag oder Freitag in Ismail ankommen. Wir tun uns schwer, ob wir darauf warten sollen. Unser Zeitplan gibt es eigentlich nicht her, aber das Vertrauen in die Reifen ist deutlich getrübt. Wir überlegen, ob wir zwischendrin nach Rumänien fahren sollen, um im Donaudelta zu paddeln und dann den bestellten Reifen abzuholen. Am Ende des Tages entscheiden wir uns, zu warten und die Warterei mit ruhigen Tagen rund um Ismail an der Donau und vielen Seen zu verbringen. Denn wir haben uns schon wieder zu viel vorgenommen und sind bislang eher unruhiger und gestresster geworden. Das war nicht die Idee der Reise. Doch zuvor haben wir auf dem LKW-Parkplatz noch den Sprengring von einem „S“ wieder zu einem „O“ gedengelt. Zunächst hatte Arthur rohe Gewalt mit vielen Hammerschlägen angewandt, anschließend folgte kontrollierte Gewalt mit Hilfe des Wagenhebers und der vorderen Stoßstange sowie kräftigem Ziehen, nachdem der Sprengring zuvor unter GeU in die Halterung der hinteren Kisten eingeklempt wurde. Wieder einmal bestätigt es sich: es geht eigentlich alles auch mit Bordmitteln.
Wir finden einen netten Platz auf einem Stichdamm am Yalpug-See und machen Urlaub. Dabei können wir die Sonntagsbeschäftigung der Ukrainer beobachten: grillen, Schlauchboot fahren und angeln. Wir hoffen, dass wir vielleicht frischen Fisch bekommen können. Aber mangels Anglerglück wird das nichts. Dafür bekommen wir unverhofft gegrillte Kartoffeln geschenkt und revanchieren uns mit einem „kühlen Korn“. Die Kornflasche hatte seit dem Tod meiner Großmutter in unserem Kühlschrank gestanden und soll auf dieser Reise Freundschaften pflegen. Es kam gut an.

31.05.2010

Ismail
Ukraine

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