25.09.2019, Ungarn, Keszthely

17.09.2019 bis 25.09.2019, Montenegro, unterhalb von Zekova Glava und Crna Glava, bis Ungarn, Keszthely

Die restlichen Tage in Montenegro stehen weitgehend unter dem Motto „Nicht bei diesem Wetter“. Wir müssen unsere Pläne ändern und fahren früher als angedacht Richtung Norden. Dort finden wir die Sonne wieder, wechseln sehr häufig Landesgrenzen, machen noch einen Pausentag in Bosnien und finden am Ende doch noch am Plattensee in Ungarn einen Platz – wildcampend, mal mit Sonne, Wolken oder Nebel!

Als wir unseren Stellplatz unterhalb von Zekova Glava und Crna Glava verlassen, wollen wir nur einen kurzen Versorgungsstopp in Mojkovac machen und weiter wandern, bei Bistrica. Nicht nur das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Der Himmel ist wolkenverhangen und Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Wir kommen aber auch mit der Ausschilderung und der Beschreibung der Tour 37 im Rother-Wanderführung nicht klar und geben nach 40 Minuten auf. So war es ein etwas mühsamer Spaziergang nach dem Mittagessen durch zum Teil dichten Wald! Da wir nicht glauben, dass das Wetter am nächsten Tag besser ist, fahren wir direkt weiter, entlang der Tara-Schlucht, landschaftlich spektakulär, kommt leider bei dem Wetter nicht so heraus!

Unser Ziel ist Zabljak, der Hauptort im Durmitor-Nationalpark, wo wir für den Tag drauf mit unseren Reisefreunden Ute und Andreas verabredet sind. Und wie immer, wenn wir in Zabljak sind, ist das Wetter schlecht. Wir sehen nichts von den Bergen des Durmitor-Nationalparks. Wir quartieren uns für eine Nacht auf dem Camp Iwan Do ein, sitzen den beginnenden Regen im Auto aus (sitzen in unserem nun geheiztem Wohnzimmer, im Fahrerhaus) und verbringen einen frisch-kühlen, aber regenfreien Vormittag mit Ute und Andreas und zeigen uns gegenseitig unsere Autos. Die beiden reisen mit einem Toyota Landcruser und Dachzelt. Uns wäre das zu spartanisch, vor allem bei dem Wetter. Da wir den Tag nicht komplett in der Kälte (8 Grad) verbringen wollen, brechen wir gegen Mittag auf. Wir essen im Ort noch eine warme Pizza und kaufen im wirklich super sortierten Voli-Supermarkt ein, den ich vor zwei Jahren schon geschätzt habe.

Das Wetter klart etwas auf. Daher beschließt Arthur, in der Tara-Schlucht zip-linen zu wollen. Da es keine Wartezeiten gibt, ist der Entschluss schnell umgesetzt. Hin geht es mit der sehr komfortablen längeren Zip-Line östlich der Tara-Brücke im Sitzen; zurück dann mit der etwas kürzeren und weniger komfortablen und dafür Angst machenderen westlich der Brücke (hier berührt man mit dem behelmten Kopf das Seil). Für eine Reizkonfrontationstherapie ist der Reiz am Ende aber zu kurz. Arthur merkt das Adrenalin erst nach Ankunft auf der anderen Seite. Die Aussichten sind trotz des wieder niedergehenden Regens klasse. Nur mit den Videoaufnahmen tun wir uns schwer. Bei Arthur schaltet sich die Kamera nach wenigen Sekunden wieder ab, für mich ist es schwierig, Arthur überhaupt auf der Zip-Line auszumachen. Ich filme zwei Leute und weiß nicht, ob er es war. Zu sehen gab es auch nichts auf dem Video, irgendwo düst ein Punkt von rechts nach links über die Schlucht.

Nördlich von Pljevlja reisen wir aus Montenegro aus. Wir sind nun in Serbien, in einer Ecke, die nur über die Grenzen nach Montenegro und Bosnien und Herzegowina erreichbar ist. Richtung restliches Serbien liegt ein Gebirge, laut Karte ohne Straßen und Pisten. Daher gibt es auch keine formale Einreise, wir werden auf der Hälfte von der Polizei kontrolliert. Hier gibt es außer viel Landschaft nicht viel, aber die ist schön, fast schon spektakulär, die Schlucht der Poblacenica, leider ist auch hier noch alles wolkenverhangen. Es ist folglich hügelig, wir tun uns schwer mit dem Finden der Wiese für das Nachtcamp, die noch weit weg von Häusern ist. Kurz vor dem nächsten Grenzübergang nach Bosnien „muss“ ich daher fragen gehen, ob wir auf der ausgewählten und perfekt passenden Wiese zwischen Straße und Fluss stehen dürfen. Am ersten Haus werde ich nett begrüßt, aber an die Nachbarn verwiesen, den die Wiese gehört. Hier ist eine ältere Frau im Gewächshaus beschäftigt, sie erteilt schnell ihr Ja und lädt uns gleich zu Kaffee und Raki ein.

Leider sind unsere sprachlichen Gemeinsamkeiten nahe Null; aber wir bekommen etwas vom Leben des älteren Ehepaares mit, die hier abgeschnitten von dem Rest von Serbien, vermutlich weitgehend als Selbstversorger leben. Sie halten Hühner, Puten, Ziegen und Schweine (werden mit etwas gemahlenen Getreide, Äpfeln (auch von den Ziegen gern gefressen), Molke sowie Grünzeug gefüttert) und haben einen großen Garten mit Gewächshaus. Das Haus ist äußerlich noch unfertig, macht aber beim Blick in den Flur innen einen gemütlichen Eindruck. Wir fragen uns schon, wovon die Leute hier leben, denn die Häuser sehen zwar nicht nach Luxus, aber auch nicht ärmlich aus. Nach zwei Raki sind wir etwas beduselt und verziehen uns ins Wohnmobil, wo wir nicht mehr viel machen …

Der nächste Tag – die Sonne scheint wieder – ist geprägt von Grenzübertritten. Von Serbien nach Bosnien-Herzegowina (Bosnien und Herzegowina ist ein Land, so die korrekte Bezeichnung, weiter dann nur Bosnien genannt): Wir sind begeistert von der aufgestauten Lim und vermissen ein Paddelboot, wir werfen einen Blick auf die alte Brücke aus dem 15. Jahrhundert in Visegrad (laut unserem Bosnien-Reiseführer ein Highlight des Landes, nun ja) und sind schon wieder draußen. Aber wir wollen uns diese Ecke merken und mit einem Boot wiederkommen.

Es folgen weitere 40 Kilometer in Serbien, am Rande des Tara-Nationalparks, für den wir direkt an der Grenze 5 Euro in Euro zahlen müssen. In Bajina Basta erfolgt der dritte Grenzübertritt für diesen Tag, nach Bosnien, wo wir nun zwei Tage bleiben wollen. Bei allen Grenzen mussten wir hinten aufmachen, einmal wurde halbherzig nach irgendwas gesucht. Da kannten wir bislang auf dem Balkan nicht so, aber es ist eher eine Strecke jenseits der üblichen Touri-Strecken. Da erwecken wir Aufmerksamkeit. Ein Polizist, der gutes Englisch spricht, erklärt Arthur aber schnell, dass Arthur „a good man“ ist.

In Bosnien ist unser Ziel Srebrenica bzw. die Gedenkstätte in Srebenica. Hier wurden während des Balkan-Krieges 2005 mehr als 8.000 Bosniaken (bosnische Moslime) ermordet, obwohl das Gebiet unter dem Schutz der UN war. Es gibt heute den Friedhof zu sehen, wo noch heute erst jetzt identifizierte Tote begraben werden, eine berührende Fotoausstellung in einer alten, riesigen und leeren Fabrik-Halle und das ehemalige UN-Headquarter des Dutch-Batallion. Das ist leider nur mit Voranmeldung zu besichtigen! Schade. Insgesamt haben wir den Eindruck, Besucher sollen nicht kommen. Hier müsste mehr getan werden, um auf die Gräueltaten von vor 25 Jahren mitten in Europa und unter den Augen der Welt aufmerksam zu machen.

Dann suchen wir uns am Ufer des Drins, Grenzfluss zu Serbien, einen Platz, wo im Sommer sicher viel Trubel ist. Jetzt waren zahlreiche Angler und einige Griller da. Wir stehen zwei Nächte und den Tag dazwischen ungestört, genießen nach dem dichten Nebel am Morgen die Sonne und schauen auf das fließende Wasser. Arthur lernt viel. Für Bosnien haben wir uns auch eine UMTS-Karte für zwei Euro (sonst waren es immer rund 10 Euro) gekauft, können zwar das ZDF aus rechtlichen Gründen nicht schauen, aber lesen und sehen viel zum Massaker.

Hier „planen“ wir auch die letzten Tage auf unserer Tour. Da der Plattensee in Ungarn auf der direkten Linie nach Wien liegt, wollen wir dahin und zockeln zwei Tage recht zügig mit GeU über Land Richtung Nordwesten und machen tatsächlich Strecke. In Bosnien ist es weiterhin hügelig, die Drina ist ebenfalls aufgestaut, es ist hübsch hier. Der letzte Tag auf dem Balkan (Ungarn gehört nicht dazu) haben wir einen neuen Streckenrekord, 212 Kilometer an einem Tag, mit Grenzübertritt von Bosnien nach Kroatien. Wir haben uns echt an die geringen Kilometer gewöhnt und es genossen!

Was gibt es sonst vom „Streckemachen“ zu sagen? Es wird überall herbstlich! Es zieht sich, über Land zu fahren, aber wir genießen es, einfach zu schauen und es gibt auch nicht wirklich Alternativen bzw. diese würden dann viele Kilometer mehr und Autobahn bedeuten. Und die Landschaft wird ab Kroatien flach, die Felder deutlich größer und in Ungarn kommen uns folglich riesige Erntemaschinen entgegen. Wie gut, dass die Straßen hier deutlich breiter sind.

Mit dem Erreichen von Ungarn werden die Straßen wieder eher schlechter. Der Kauf einer UMTS-Karte ist nicht so einfach mehr möglich bzw. wir geben dann auch schnell auf. Wir haben ja nun wieder unsere 1&1-Karten und müssen halt mit dem Datenvolumen haushalten. Bei Vodafone war ein Wohnsitz in Ungarn nötig!?!?!

Der Plattensee ist dann erst mal eine Enttäuschung. Wir finden keinen Zugang. Alles was wir uns über Google-Satellit angeschaut hatten, hat keine Zufahrt bzw. ist versperrt. Als wir dann am Ufer stehen, auf einem Parkplatz, gibt es nur Matsch und trübes Wasser am Ufer. Das Wetter ist verhalten. Wir tun uns schwer zu entscheiden, was wir machen wollen! An sich wollten wir hier noch zwei ruhige Tage verbringen, der Kühlschrank war nach einem Besuch in einem riesigen Tesco-Supermarkt gut gefüllt. Aber auf einen Campingplatz? Wir wählen schließlich doch einen aus, für eine Nacht und dann schauen wir weiter. Bei der Anfahrt zum Campingplatz sieht Arthur am Ufer ein Wohnmobil, also hin! Ich frage die Ungarin, ob man hier stehen kann. Sie sagt ja, es sei kein Problem. Und so stehen wir nun schon zwei Nächte 10 Meter vom Ufer, wo zahlreiche Angler Tag und Nacht stehen. Es stört sich keiner an uns. Die Saison ist hier weitgehend vorbei. Ich backe mit der letzten Brotbackmischung ein Brot, um die schon weitgehend leeren Proviantkisten leer zu kriegen. Die Sonne schien gestern Nachmittag, heute früh liegt dichter Nebel über dem See. Aber hier werden wir wohl den letzten Pausentag auf dieser Tour verbringen und morgen Richtung Wien aufbrechen, von Wien geht es dann spätestens ab Sonntag zügig nach Hause.