06.09.2019, Albanien, Velipoja

02.09.2019 bis 06.09.2019, Albanien, Shkodra bis Velipoja

Bevor wir Albanien verlassen, wollen wir noch eine Offroad-Piste aus dem Pistenkuh-Reiseführer fahren, die uns mitten in die albanischen Alpen, ins Gebirgsdorf Theth, bringt. Es gibt zwei Wege nach Theth, beide führen über Pässe von 1.200 bzw. 1.600 Meter Höhe. Eine Zufahrt ist ausschließlich Piste und zwar eher eine der Sorte „brauchen wir nicht zu lange und zu oft“, bei der anderen ist von Theth kommend bis zur Passhöhe Piste, dann neue Asphaltstraße. Für die Hinfahrt wählen wir die reine Piste. War die richtige Entscheidung, denn das muss man nur einmal gefahren sein. In Theth genießen wir die Ausblicke auf die Berge rund um uns und gehen natürlich wandern.

Von Shkodra sind es 70 Kilometer bis Theth. Wir mögen am Beginn der Routenbeschreibung nicht glauben, dass wir dafür 7 Zeitstunden brauchen. Bis zum Dorf Prekal ist es geteert. Aus einem superklaren Bewässerungskanal, bis Prekal ist das Tal noch landwirtschaftlich genutzt, tanken wir unsere Wassertanks auf. Der Kir gräbt sich teils sehr malerisch durch die Felsen und hinterlässt ideale Schwimmbecken und Canyoningmöglichkeiten. Hier wachsen vermehrt Feigen und auch Granatäpfel, letztere aber noch nicht reif. Feigen hatten wir schon am Morgen am letzten Standplatz geerntet. Sehr lecker!

Ab Prekal wird die Piste richtig grottig! Es ist vermutlich mit das schlechteste und härteste, was wir bisher gefahren sind. GeU schaukelt und beschleunigt extrem seitlich. Unangenehm und nicht schadensfrei. Es killt eine unserer Schubladenverriegelung! Erst bricht das Gewinde, kurz danach die Latte. Nun gehen die Schubladen auf und zu, das Geschirr klappert. Bei offenem Tunnel kann man das gar nicht ertragen, zumal wenn man dazu beim Blick in die Wohnkabine das Geschirrhandtuch waagerecht hängen sieht! Wir suchen mit dem Permakultur-Ansatz eine Lösung! Die Schubladen werden nun mit den ausgefahrenen Teleskopwanderstöcken gehalten, indem die Stöcke zwischen Schubladen und Tür geklemmt werden. Es war meine Idee, gab „einen Punkt“ für mich! Es ist nur etwas aufwendiger zu verriegeln und die Stöcke versperren dann den Gang! Aber als Notbehelf gut!

Die Piste haben wir weitgehend für uns, was auch gut ist, denn breit ist anders. Aber der vorhandene Gegenverkehr, fünf mit Holz voll beladene 12-18-Tonner, sorgen für Aufregung – vor allem bei der Beifahrerin. Am nächsten Tag sind es dann mehrere Motorräder (ein Fahrer hat gerade großen Spaß auf dem grottigen Pistenstück sein Motorrad wieder aufzurichten) und zwei Radfahrer. Sorgt beides nicht für Aufregung, wenn ich auch beides nicht wählen würde für diese Piste.

Die Landschaft auf der gesamten Tour ist großartig. Burkhard Koch hatte für die Tour fünf Sterne vergeben, also Top-Tour nach seiner Kategorisierung. Leider ist die Sicht diesig, nimmt ein wenig den Spaß beim Fotografieren.

Die 70 Kilometer fahren wir nicht an einem Tag. Wir brechen den Trip nach gut der Hälfte und übernachten direkt an der Passhöhe. Ganz leise ist es hier nicht. Wir hören den Generator der nahen Sendestation leise brummen!

Am nächsten Morgen „hoppeln“ wir weiter nach Theth und merken, dass wir solche Offroad-Abschnitte nur in begrenzten Maßen brauchen. Es ist gut zu wissen, dass GeU auch die noch kommenden supergrottigen Abschnitte (mit heftigen Serpentinen, teils mit massiven Auswaschungen) gut bewältigt, aber uns sind die schlechten Streckenabschnitte zu lang. Sie bringen uns nur wenig Spaß, schnell wollen wir nur noch ankommen. Vor allem ich habe die Sorge, dass was kaputt gehen könnte.

Kaputt gehen tut nichts mehr, aber GeU bereitet uns ein Rätsel. Auf der Hinfahrt nach Theth haben wir drei Mal frei herumfliegende Brombeeren im Kühlschrank mit entsprechenden Spuren überall im Kühlschrank. Die Brombeeren sind wie immer in den „malischen Tupperdosen“ drin, jene Dosen, in denen wir vor 14 Jahren Joghurt in Mali gekauft haben. Und die sind dicht, weit über 60.000 Kilometer getestet! Beim dritten Mal komme ich drauf. Die Brombeeren kommen aus dem Gefrierer, wo eine Dose nicht richtig dicht war (meine Schuld) und GeU hat dann die Beeren Huppel für Huppel frei gelassen. GeU war halt doch nicht ausgelastet!

Wir sind erleichtert und ein wenig stolz, als wir am Mittag in Theth ankommen. Auch die letzte Furt war überhaupt kein Problem. Wir sind auch brav einmal vorher durch den 5 bis 7 Grad kalten Fluss gelaufen. War schon kalt, trotzdem waschen wir uns jeden Abend in diesem kalten Wasser.

Wir stehen drei Nächte einfach am Fluss in Theth statt uns in einen Garten der vielen Hotels und Guesthäuser zu stellen. Es stört sich auch keiner an uns, in der zweiten und dritten Nacht haben wir auch Nachbarn, ein anderes Wohnmobil, dann ein Geländewagen mit Dachzelt! Die Kulisse ist einfach nur geil und mittendrin das gelbe Ungetüm. Am Abend gibt es Lagerfeuer und wir waschen uns, um es noch einmal zu betonen, im kalten Flusswasser – nur für meine Haare erwärme ich mir Wasser!

Theth war Ende des 19. Jahrhunderts ein Rückzugsgebiet für Christen. 1892 wurde die Kirche erbaut, während der kommunistischen Ära zerstört und von 2002 bis 2006 wieder aufgebaut. Es gab hier mal 7.000 Bewohner, inzwischen leben nur noch 15 bis 20 Familien ganzjährig hier. Die Zufahrt im Winter ist arg eingeschränkt, weil Regen- bzw. Schneereich … Ab September kann der 1.600-Meter-Pass Schnee haben, irgendwann steht nur noch die Grotten-Piste zur Verfügung.

Die deutsche GIZ ist seit Jahren hier aktiv und treibt den Wandertourismus voran. An der Brücke gibt es ein neugebautes Infocenter zum Nationalpark, aber zu Wanderungen haben sie kein Infomaterial und die Klos sind wegen Wassermangel verschlossen – direkt daneben fließt der wasserreiche Theth-Fluss. Es ist schon fast afrikanisch! Schade, dass solche Projekt unserer Erfahrung nach nicht so richtig gut laufen, egal wo!

Wir suchen uns aus dem Rother-Wanderführer zwei blaue Touren aus, also die leichten Touren. So entsprachen beide Wanderungen nicht ganz unseren Erwartungen bezüglich der Anstrengungen. Aber beide sind landschaftlich einfach nur toll!

Bei der ersten Tour (Nr. 22) laufen wir auf die Alm Fusha e Denellit hoch. Es geht viel durch Wald und vor allem über 1.100 Höhenmeter hoch. Als wir auf der Alm rasten, sind wir schon ziemlich k.o. Zurück geht es erst den gleichen Weg. Ich laufe wie immer etwas hinter Arthur her und verliere den Weg. Also geht es für mich quer Feld ein weiter. Es ist steil und es liegt viel Laub. So wird darauf eine Schlittentour ohne Schlitten, aber ich bin wieder gleichauf mit Arthur und dem Weg. Nur hätte mich das fast mein Handy gekostet. Zum Glück will ich gute zehn Wanderminuten später ein Foto für Facebook machen und stelle den Verlust des Handys fest. Schrecksekunde! Also zurück und bevor ich uns die Strategie zur Suche zurechtgelegt hatten, fischt Arthur mein Handy aus dem Laub. Mehr als Glück gehabt! Ich hatte schon mit vier Handylosen-Wochen gerechnet! Da Arthur die letzten „Schlitten“-Etappe auf Video festgehalten hatte, können wir später verfolgen, wie das Handy aus der Oberschenkeltasche der Treckinghose fällt. Ist ja nicht zum ersten Mal, dass wir (Beinahe-) bzw. Verluste auf der Kamera festhalten. Von Arthurs bei Kopenhagen verlorener Brille gibt es auch Fotos. Sonst ist der Weg runter ohne weitere Ereignisse, aber wir sehen wieder Bärenscheiße und –Geruch (?). Am Ende sind wir nach 6,5 Stunden wieder am Auto und fertig!

Die zweite Wanderung ist ebenfalls blau, hat aber nur 700 Höhenmeter und führt an den Fuß des Arapi, dem höchsten Berg in Theth, wo es eine Höhle gibt. Zunächst ist es gutes Laufen auf Wegen, dann wird es ziemlich steil. Für uns ist es auch keine blaue Wanderung, rot wäre angemessen. Da ich vom Vortag noch gut müde bin, bleibe ich ein Stück unterhalb der Höhle sitzen und genieße den Ausblick, Arthur blickt in die Höhle hinein, die über mindestens 300 Höhenmeter im Berg geht.

Auf dem Rückweg pflücken wir Brombeeren satt, so wird auch das Abendessen angepasst. Es gibt die restlichen Nudeln süß, mit angebratenen Brombeeren und Äpfeln. Arthur ist glücklich. Dazwischen gab es ein „Zwangsbier“. Unser Datenvolumen war ausgeschöpft, daher rein in die nächste Bar, Bier trinken und Mails checken. Nach einer anstrengenden Wanderung und bei weiter um die 30 Grad knall ein Bier gut. Das kalte Flusswasser hilft dann auch … Ansonsten hätte ich im Minimarkt gerne mal wieder einen Hundewelpen adoptiert. Es war Liebe auf den ersten Blick! Aber GeU bleibt hundefrei.

Raus aus Theth über die andere Zufahrt sind es zum Glück nur 16 Kilometer Piste, die noch anspruchsvoll genug sind, dazu kommen die albanischen Geländewagenfahrer, die erst mal drauf zu fahren, gerne noch mit Handy am Ohr. Anstrengend für den Fahrer! Aber wir fahren zeitweilig doch mal 20 Stundenkilometer!

Kurz vor dem Pass gibt es einen Platz mit 360-Grad-Panorama – toll, aber auch an dem Tag bleibt es diesig. Und ab dem Pass gibt es tatsächlich eine gute Teerstraße. Langsam kurven wir mit GeU runter. Runter fahren wir meist ähnlich langsam wie hoch, da das Gefälle doch ordentlich ist und GeU das Tempo nur im zweiten Gang hält.

Unten angekommen riechen wir plötzlich Salbei und sehen ganze Schuppen voll mit den trocknenden Pflanzen und später Felder mit Salbei- und Lavendelanbau. Wir halten an und wollen einen Stoffbeutel voll kaufen. Keiner kann das Gewicht einschätzen, keiner den Preis. Arthur hat zwar schon das Geld in der Hand, aber wir bekommen den Salbei geschenkt. Hier wird in Zentnern statt Kilogramm gerechnet und verkauft. Ich wiege später den Beutel im Wohnmobil. Es sind gut 400 Gramm mit leicht verholzten Stängeln gewesen. Ich verlese ihn. Die nächsten Tagen wird er im Fahrerhaus getrocknet, wir sind vom Salbei-Duft umhüllt.

Und da das Trocknen im Fahrerhaus (Salbei liegt lose auf dem Tablett und dem Backblech) nicht mit dem Fahren vereinbar ist, legen wir einige Pausetage ein. Kurz nach dem „Salbei-Kauf“ waren wir wieder in Shkodra, kaufen Lebensmittel ein, besorgen uns ein Brett, um die Schubladenverriegelung reparieren zu können, und fahren ganz im Norden Albaniens an den Strand von Velipoja. Weiter südlich ist es touristisch gut erschlossen, weiter im Norden gibt es einige Bars, die aber schon „zurückbauen“, alles wird abgebaut und abtransportiert. Hier stehen wir zunächst eine Nacht, finden es aber nicht richtig gut. Am nächsten Morgen dann zu Fuß Erkundung. 700 Meter Luftlinie weiter zur Grenze werden wir fündig. Wir stehen 15 Meter von der Adria entfernt, ein Holzunterstand gibt uns Schatten und Möglichkeiten, die Hängematten aufzuhängen. Für die Bezeichnung „traumhafter Platz“ liegt leider zu viel Müll herum, aber wir blicken drüber hinweg bzw. schauen aufs Meer…