07.08.2019, Permet

03.08.2019 bis 07.08.2019, Albanien, Berat bis Permet

Der nun vierte Bericht über unseren Aufenthalt in Albanien ist sehr „berglastig“. Wir genießen in vollen Zügen die wirklich großartigen Berglandschaften. Wir fahren zweimal in den Tomorrit Nationalpark rein und hoch. Beim ersten Mal wissen wir nichts, bleiben kurz vor dem Ende der Straße mit genialer Sicht stehen und erkunden am Tag drauf zu Fuß den Weg auf die andere Seite der Schlucht. Beim zweiten Mal folgen wir einem Treck der Pistenkuh, erweitern dann aber auf eigene Faust unsere Ortskenntnisse und landen auf einem der höchsten Berge Albanien mit Panaroma auf Teile unserer bisherigen Tour.

Berat ist wie Gjirokaster ein UNESCO-Weltkulturerbe, wirkt aber auf uns weniger wie ein Museum und gefällt uns daher besser. Sowohl auf der Burganlage wie in beiden alten Stadtteilen gibt es einen ausgewogenen Mix zwischen Tourismus und normaler Bewohnung. Weder Restaurants noch Läden für Touris sind in der Überzahl vorhanden. Zur Burg nehmen wir, wie im Wohnmobil-Reiseführer zu Albanien empfohlen, den nicht so steilen Weg von Norden. Als wir wieder nach unten fahren wollen, kommt ein deutlich größeres Allrad-Wohnmobil den direkten Weg aus dem unteren Stadtteil hoch. Was der hoch schafft, schaffen wir auch runter. Die Straße ist vermutlich inzwischen verbessert worden.

In Berat gibt es die Burg und zwei ältere Stadtteile beidseitig des Flusses Osum, verbunden mit drei Brücken, nur eine ist für Autos. In Gorica lebten ursprünglich die Christen und sehen die Sonne im Winter gar nicht dank der Nordausrichtung. In Mangalemi lebten die Moslems. Hier kann man am Hang die Attraktion der Stadt, die gut erhaltenen, schiefergedeckten osmanischen Wohnhäuser mit ihren weißen Fassaden und brauen Fenstern sehen. Deshalb hat Berat auch den Beinamen „die Stadt der tausend Fenster“.

Dazu kommen moderne Stadtviertel. Es gibt ca. 70.000 Einwohner, eine Universität und zahlreiche Firmen. Wir bummeln noch über den (Floh-)Markt, wo Klamotten, Werkzeug, Geschirr etc. gebraucht und neu angeboten werden. Arthur kauft „Leckerlis“ für GeU, ein paar kleine Schlauchschellen und Federn, um die Gaspedalrückstellung zu verbessern. Ich finde ein einzelnes Sektglas, hatte eins beim Abwaschen heruntergeworfen. Das beim Lagerfeuer in Borsh zerschellte Weinglas können wir nicht ersetzen. Wir hätten alle sechs aus der Packung kaufen müssen.

Von Berat aus fahren wir die SH72 Richtung Südwesten und sehen ein Hinweisschild für den Tomorrit-Nationalpark. Spontaner Beschluss: da wollen wir hin. Wir recherchieren auf den diversen Karten und in unseren drei Reiseführern noch ein wenig, wo genau wir reinfahren sollten, sind am Ende nicht viel schlauer. Wir hoffen, dass die auf der russischen Digitalkarte ausgewählte Piste einen Rundkurs ermöglicht. Das ermöglicht sie zwar nicht. Sie endet nach knapp einer Stunde Fahrzeit (recht ruppig, steil bergauf, Arthur bewertet sie als SG 2, Schwierigkeitsgrad 2 gemäß Pistenkuh) in einem Dorf. Kurz davor ist der optimale Standplatz für uns. Abseits der Straße ist eine ebene Fläche mit genialem Ausblick auf die schroffen Züge des Tomorrit-Gebirgszuges mit seinen sanften Vorhügeln – durch die Wolken sehr abwechslungsreich. Besondere Aufmerksamkeit erzeugen wir bei den wenigen Hirten und Bauern nicht.

Hier stehend vermuten wir, dass wir mit GeU nicht auf die andere Seite der Schlucht kommen und dort herunterfahren zu könnten. Daher wandern wir am nächsten Tag zu Fuß weiter hoch. Der Fahrweg endet im nahen Dorf, dann sind es kleine Wege, teilweise gerade breit genug für ein Schaf. Es geht runter in die Schlucht, durch das Bachbett und dann wieder hoch, zum Gehöfft – genau gegenüber von GeU, nur etwas niedriger. Es ist eine schöne vierstündige Wanderung. Wir sehen wieder viele der natürlichen Bonsais, extrem kleinwüchsige, buschige, krüppelige Eichen und Buchen. Es gibt bewässerten Anbau von Mais, Getreide, Kleegras und Bohnen sowie Pflaumen, Quitte und Mirabellen. Wir überqueren auf dem Rückweg einen kleinen Bach, dessen Karstquelle etwas weiter oben, aber nicht sichtbar entspringt. Das Wasser erfrischt uns gut. Wir erfreuen uns auch am zweiten Abend am genialen Ausblick. Wir schlafen fast schon, als unweit von uns drei junge Menschen sitzen (woher sie auch immer kommen), reden und telefonieren. Ich hatte erst nach unserer Wanderung den dort liegenden Müll eingesammelt. Am nächsten Morgen liegt wieder Müll herum. Es gab Fanta, Chips und Kekse. Das übliche Verfahren hier. Dieses Mal sammele ich den Müll nicht wieder ein. Das Liegenlassen von Müll ist mehr als weit verbreitet. Wir entsorgen unseren Müll in den Dörfern und Städten, wo an der Straße Müllcontainer stehen. Wo die entsorgt werden, wissen wir nicht. Aber die Orte sehen recht sauber aus.

Auf der SH 72 bleiben wir nur wenige Kilometer, dann geht es auf die S05 der Pistenkuh auf den Tomorr-Rundkurs. Die Piste hoch ist besser als gedacht, recht steil, so dass wir schnell auf 1.500 Meter Höhe gelangen. An dieser Passhöhe stellen wir uns hin. Schneller Beschluss: auch das ist ein Platz für zwei Nächte. Wir haben tolle Blicke zu beiden Seiten und erfreuen uns am beruhigendem „Bimmel-Bimmel“ der großen Schafs- und Ziegenherden.

Hier gibt es die Pilgerstätte „Tyrba e Kulmakut“, wo Abbas Ali, ein Enkel des Propheten Mohammed, geehrt wird. Unsere spätere Recherche (oben gab es kein Vodafone-Netz) ergibt folgende Infos: Er war nie in Albanien, sondern ist im Irak auf dem Schlachtfeld gefallen und begraben ist. Nur seine Seele war oben auf dem Tomorr und wird in dem Grab auf dem Gipfel des Tomorr verehrt. Am Rande des Osum-Canyons sehen wir noch einen „Fussabdruck“ von Abbas Ali, der ja nie hier war.

Mitte August – also in wenigen Tagen – kommen tausende Pilger zu einem Opfer- (Schafe), Fress- und Saufgelage hier her. Im Internet sehen wir Fotos mit zahllosen Zelten, Autos und einigen (geschlachteten) Schafen. Angeblich kommt auch der Staatspräsident zum Fest. Die Beschreibungen des Müllaufkommens und der Gerüche aufgrund der Fäkalien, des Schlachtens und des Grillens können wir uns lebhaft vorstellen. Umso mehr genießen wir die derzeitige Ruhe vor dem Sturm und die frische Luft vor der beschriebenen „Luftverpestung“. Ob wegen des Festes oder nur so: An der Pilgerstätte wird eifrig gebaut, alles sieht sehr neu aus, ansprechend mit Naturstein gebaut.

Im Allradler-Magazin hatten wir gelesen, dass man auf den Tomorr hochfahren kann. Viel mehr Infos gab es dazu nicht im Heft. Auch unsere drei Reiseführer schreiben dazu nichts. Wir sehen den Beginn des Weges, aber wir wollen GeU schonen und lieber wandern. Die 900 Höhenmeter machen wir zu Fuß in 2:20 Stunden rauf und in 1:40 Stunden wieder runter. Oben (2.381 m) steht die kleine runde Grabstätte von Abbas Ali mit einem einfachen (wie wir nun wissen leeren) Sarg.

Schon die Ausblicke während der Wanderung sind toll und abwechslungsreich, weil wir aufgrund der Serpentinen immer wieder auf eine andere Seite schauen und die Sicht gut ist. Von oben können wir in alle Richtungen schauen und sehen alles, wo wir bislang auf dieser Reise gefahren sind bzw. gestanden haben: Teile des Weges zu unserem letzten Übernachtungsplatz, Berat, den nördlichen Teil der SH 74 inklusive des Berges, auf den wir hochgewandert waren, den Hang mit der SH76 nach Tepelene. Dahinter kann man noch den Berg mit dem Llogara-Pass direkt an der Küste erkennen, den wir 2017 gefahren sind. Auch hier gibt es immer mal wieder „Bimmel-Bimmel“ von Schafen und Ziegen, teilweise mit „Formationsbildung“ am Hang. Wir sehen segelnde Raben und einen kleinen Greifvogel. Eine tolle Wanderung, sehr lohnenswert. Daher hier für Offroadfahrer die Infos zur Piste gemäß der Pistenkuh-Kategorisierung: Piste bis zum Gipfel mit FK 1-4 möglich und SG 1-3 (ggf. 4 für FK 4 in den Spitzkehren).

Auch am zweiten Abend finden wir noch genug Holz für ein Lagerfeuer, denn auf 1.500 Meter Höhe ist es frisch, 15 Grad. Als die Schafe auf dem Weg zum nahe gelegenen Corral getrieben sind, spiegelt sich das Feuer in ihren Augen. Als sie am nächsten Morgen wieder zurückkommen, meditiere ich unweit von GeU. Als ich ruhig da sitze, nehmen sie mich überwiegend nicht wahr, laufen links und rechts an mir vorbei. Nur selten schaut ein Schaf hoch und überlegt, was ich bin. Oder überlegt ein Schaf nicht so viel?

Auf der weiteren Tomorr-Runde ist die Piste die ganze Zeit Ok, aber es geht runter auf rund 800 Meter und dann wieder rauf auf fast 1.200 Meter. Immer wieder mit spektakulären Ausblicken. Wir passieren mehrere, teils noch in Betrieb befindliche Marmorsteinbrüche, die teilweise eher wie Müllhalden oder Schrottplätze aussehen, einerseits wegen der die Hänge hinunter gekippten Marmorbruchstücke, andererseits wegen der ausgeschlachteten Arbeitsmaschinen.

Ab Corovode und entlang des Osum-Canyons (tolle Ausblicke) haben wir kurz Asphalt unter den Rädern. Auf der Karte ist der weitere Weg nach Permet weiterhin gelb markiert und ohne einen Hinweis auf 4×4-Erforderlichkeit. Aber die Pistenkuh hat den Weg als S06 in ihrem Reiseführer – weil es eine Piste für Allradfahrzeuge und für nahezu nichts anderes ist, will man sein Fahrzeug nicht arg quälen. Wir hatten noch das „gut befahrbar“ in Erinnerung und sind etwas überrascht über die heftige und teilweise schwierige Piste. Aus der SG 2 ist eher eine SG 3 geworden, die Pistenkuh war 2016 hier, eine lange Zeit mit drei Wintern für die Piste. Es gibt zwar wieder tolle Blicke, aber wir waren gerade genug durchgeschüttelt, um diese Piste wirklich genießen zu können. Wir sind froh, als wir auf die SH 75 stoßen – gut asphaltiert. Schnell sind wir in Permet, ein kurzer Versorgungsstopp.