30.07.2019, Gjirokaster

26.07.2019 bis 30.07.2019, Albanien, Borsh bis Gjirokaster

Nach Albanien nur wegen des Mittelmeeres zu fahren, wäre die lange Anreise nicht wert. Das Land gilt als eins der letzten Offroad-Paradise Europas und auch wir wollen uns nun nach den ruhigen Strandtagen auf Pisten (die Standardstraße im Land) fortbewegen. Schon in Borsh verlassen wir die Asphaltstraße und arbeiten uns im Zickzack-Kurs über die Hügel und Berge ins Landesinnere vor. Ziel ist die Stadt Gjirokaster. Es läuft auf der Piste besser als erwartet. GeU macht sich bestens, bis auf ein neues, aber handhabbares Problem mit den Bremsen! Wir waren aufgrund unserer Erlebnisse von vor zwei Jahren auf einer albanischen Bergpiste etwas nervös. Die Mitfahrerin zeigt die schwächsten Nerven – erwartungsgemäß, findet aber auch großen Gefallen beim Schaukeln durch tolle Berglandschaft.

Vorweg ein paar Worte, wie man die Reise-Know-How-Karte zu Albanien verstehen sollte. Es gibt natürlich unterschiedliche Straßenkategorien. Grüne, rote, orange, gelbe, weiße und graue Wege. Aus der Farbmarkierung kann man nicht unbedingt auf die Qualität der Straße schließen. Weiß ist bislang zwar immer Piste gewesen, aber orange heißt nicht gute Straße. Gelb kann noch Asphalt sein, geht dann aber in eine Piste über, die Burkhard und Sabine von der Pistenkuh zeitweilig mit dem dritten Schwierigkeitsgrad bezeichnen (fünf gibt es in ihrer Deklaration insgesamt).

So nutzen wir zunächst eine weiß eingezeichnete Straße bzw. Piste und holpern von Borsh, wo wir noch Wasser und Lebensmittel gebunkert haben, in die Berge. Es ist die Piste Nr. S11 im GPS-Offroad-Reiseführer Albanien von Burkhard und Sabine Koch, der mit einem USB-Stick kommt, mit dem wir die Wegepunkte in unser Navigationsgerät einlesen. Die Navigation mit der Kombination der Wegbeschreibung und des QV-Navigationsprogrammes klappt gut.

Die Aussichten sind toll, die Dörfer werden immer kleiner, die Autos weniger, aber es bleiben normale Autos. Der Fahrer notiert am Abend folgendes dazu in seiner Tagebuch-Datenbank: „Die Strecke selbst ist bis auf ein zwei Stellen, die sehr rau oder etwas eng und schräg sind, gut zu befahren; an einigen Stellen ist sie besser als bei Burghard beschrieben – hier wurde gerade auch an der Straße gearbeitet; an anderen Stellen scheint sie mir aber noch schmaler geworden zu sein.“

Die kleinen Dörfer Fterre und Kuc sind noch bewohnt, auch wenn die Anfahrt hier hoch von beiden Seiten mühsam ist. Die Passstrecke dazwischen ist am schlechtesten erhalten. Und da wir nun schon auf Empfehlung der Pistenkuh hier sind, nutzen wir auch gleich die Empfehlung für einen Nachtplatz und stellen uns für zwei Tage auf eine Sandbank am Fluss. Falls die aufkommenden Wolken doch Regen bringen, stehen wir so, dass wir binnen Minuten abfahren könnten. Das ist nicht nötig. Wir genießen die Ruhe, das Rauschen des Wassers, machen natürlich auch Lagerfeuer und üben uns auch hier im Faulsein, auch wenn ich das Flusswasser zum Wäschewaschen mit unseren zwei gelben Eimern nutze. Arthur baut eine schöne Konstruktion aus Holz für die Wäscheleine.

Immer wieder gibt es Mahnmale und protzige Schilder für was eigentlich. Wir verstehen nicht viel, hat aber mit den Widerständen zum Ende des zweiten Weltkrieges zu tun.

Das restliche Pistenstück von Route S11 ist besser und EU-unterstützte Ausbauarbeiten laufen, auch am Sonntag sind die Bauarbeiter am Werke. Das Tal wird immer breiter, vereinzelt liegen kleine Dörfer an der Straße (eins sogar mit Hotel) und im Talboden nimmt die Feldwirtschaft zu, während darüber schroffe Berge zu sehen sind. Der Verkehr ist mäßig, bis auf einen langen Konvoi, die wohl zu einer Beerdigung wollen, wenn wir die Farbe der Kleidung richtig interpretieren. Es bleibt an diesem Tag nicht der einzige Konvoi. Ein kleinerer mit drei Fahrzeugen kommt uns am Nachmittag auf der nächsten Piste entgegen, mit einer Braut im üppigen weißen Walle-Walle-Kleid – in einem Auto mit italienischen Kennzeichen.

Früher als erwartet fahren wir wieder auf Asphalt, guter Asphalt und fahren gleich am Abzweig auf die Piste S12 vorbei, merken es wenige Kilometer im Ort Kote, also wenden. Auf der Piste S12 endet der gute Asphalt bald, auch wenn die Straße auf der Karte als Hauptverbindung in orange eingezeichnet ist. Anmerkung dazu: die untergeordnete Straße (weiß) geht dagegen gut asphaltiert weiter.

Der Fahrer schreibt dazu folgendes: „Die Straße geht aber bald schlagartig in eine recht heftige Piste über; sie windet sich steil und schottrig immer wieder bergauf und bergab am Hang hoch über der Drina entlang, vorbei an zumeist stark dezimierten Dörfern; hier sind die Ausblicke über das Drina-Tal teils spektakulär.“ GeU kommentiert die Piste auch – in dem er mehrfach an diesem Tag das Bücherregal leer räumt. Die Bücher liegen schön verteilt auf dem Bett.

Die Ausblicke machen es absolut wert, hier langzufahren. Alternativen gibt es straßentechnisch nicht. Aber wir merken auch, dass das Offroadfahren anstrengend und ermüdend ist (mehr für die Beifahrerin als den Fahrer!) und es für uns Mittel zum Zweck bleibt, also um vorwärts zu kommen. Daher verzichten wir auch darauf, ab Tepelene eine Piste abseits der wirklich gut ausgebauten Verbindungsstraße zwischen Tirana und Gjirokaster/Grenze nach Griechenland zu nutzen, nur um Offroad zu fahren. Wir suchen uns 25 Kilometer vor Gjirokaster einen schönen Platz an der Drin. Ein österreichisches Wohnmobil ist schon da, ein Schweizer Geländewagen und ein weiteres deutsches Wohnmobil kommen noch. Von hier aus fahren wir in die Stadt und kommen am Abend zurück. Wir lieben auf dieser Tour bekannte Plätze! Wir pflücken an beiden Abenden Brombeeren und Arthur beobachtet zwei Schildkröten beim Sex oder dem Versuch dazu. Das Männchen war etwas zu klein für seine Auserwählte …

Für die Besichtigung der kleinen Stadt Gjirokaster nehmen wir uns einen guten halben Tag Zeit und erleben sie wirklich stressfrei. Das liegt schon daran, dass wir GeU problemlos und kostenlos loswerden – nur zum Parken natürlich. Es gibt genügend Parkplätze, auch kurz vor dem alten Stadtzentrum. Praktisch!

Das Gesamtensemble der Stadt ist UNESCO-Weltkulturerbe, vor allem wegen der Steindächer und der Wehrturm-Wohnhäuser. Die Stadt liegt an einem Vorberg und wird von einer Burg überschattet. Die niedliche Altstadt steht unter heftiger Gesamtrenovierung. Straßen werden mit Natursteinen gepflastert, Häuser renoviert. In zwei Jahren wird es sehr hübsch sein. Es ist schon alles für den Bedarf von Touristen da. Es könnte aber noch zu einem Überangebot an Bars, Restaurants und Läden mit dem üblichen Touri-Tinnef kommen. Girokastra ist schon seit 1961 Museumstadt, u.a. auch weil der frühere albanische Stadtführer Envar Hodxa hier geboren wurde.

Wir besichtigen die Burg. Sie hat eine Breite von fast einem Kilometer. Die Gewölbe ist beeindruckend. Außerdem laufen wir zum Zekate-Haus, eins der besterhaltenen Wehrhäuser der Stadt, das für damalige Verhältnisse (1811/1812 gebaut) schon sehr luxuriös mit Klos und Waschräumen auf allen Wohnebenen war. Die Details finden wir aber – wie mittlerweile fast immer – nicht so spannend. Der Gesamteindruck ist aber schön.

Abschließend zu diesem Reiseabschnitt noch einige Worte zu GeU, der sehr brav ist – bis auf ein neues Problem mit den Bremsen. Immer mal wieder stellt Arthur fest, dass er die Bremse durchdrücken kann – ohne volle Wirkung. Es tritt meist beim langsamen Bergauffahren auf. Nicht gerade optimal auf der derzeitigen Routenführung. Der Hauptbremszylinder überhitzt durch Stauwärme im Motorraum. Doch schnelle Hilfe ist einfach. Arthur teilt seine Wasserflasche mit GeU. Der Zylinder kühlt ab, alles ist wieder gut. Aber warum? Vermutlich haben wir beim Motorwechsel den Motorraum zu gut gegen die Fahrerkabine isoliert. Zeitweilig lassen wir die Kühlerhaube ein Stückchen auf, aber Arthur konstruiert im Geiste schon bessere Lösungen als das Teilen der Wasserflasche. In Gjirokaster hat er auch schon in mehreren Läden nach einem Teil gefragt, wo dem er noch nicht mal den deutschen Namen wusste. Daher auch erfolglos. Wir sind zuversichtlich, auch so unsere Tour gut bewältigen zu können.